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Expertenchat Mai 2010

Am 19.05.2010 fand ein Expertechat statt mit

Jochen Müller zum Thema "Kommunikationsbrücken" 

 

Jochen Müller

Ich bin wahrscheinlich seit dem 4. Lebensjahr hochgradig schwerhörig, im Erwachsenenalter allmähliche Verschlechterung bis zur Cochlea Implantation beiderseits (2002 und 2008).

Besuch der Schwerhörigenschule in Essen, Mittlere Reife in einer Regelschule, Ausbildung und Berufsarbeit als Starkstromelektriker erwiesen sich als leidvolle Erfahrung bis zur chronischen seelisch-geistig-körperlichen Erschöpfung.

Durch die ehrenamtliche Jugendarbeit mit Schwerhörigen fand ich meine Berufung in der Arbeit mit Hörbehinderten und machte daraus einen Beruf mit dem Studium Fachrichtung Sozialarbeit.

Anschließend 10 Jahre in einer Beratungsstelle für Hörbehinderte in Essen, seit 13 Jahren Mitarbeiter des Psychologischen Teams in der HELIOS Klinik Am Stiftsberg in Bad Grönenbach (Allgäu), einer anerkannten Fachklinik bei Hörbehinderung und Tinnitus, Schwerpunkt Einzel- und Gruppentherapie.

 

Kommunikationsbrücken

Kommunikation ist wie eine Brücke zwischen zwei Menschen. Die Unsichtbarkeit der Hörbehinderung erschwert hörenden Gesprächspartnern ein rücksichtsvolles und verstehendes Einfühlen in die Hörproblematik und ihre Auswirkungen auf das Verstehen von Sprache. Aber auch die Betroffenen selbst wissen oft nicht, wie sie sich verhalten sollen, wie sie auf eine gute Kommunikation Einfluss nehmen bzw. sie positiv gestalten können.

So auch meine Erfahrungen als junger Mensch. Daraus entwickelte sich die Idee eines Modells, das die Kommunikationsproblematik hörbehinderter Menschen als auch die Schwierigkeiten hörender Gesprächspartner im Umgang mit dem Hörbehinderten "sichtbar" machen soll.

Entscheidend war das physikalische Gesetz des Brückenbauens, das besagt: Eine Brücke wird von zwei Seiten gebaut. Dieses Kommunikationsmodell auf der Grundlage einer entsprechenden Brückenkonstruktion zeigt in 20 Bilderfolgen die grundlegende Problematik der Hörbehinderung in Kommunikationssituationen von beiden Seiten - der hörbehinderten und der hörenden Person.

Mit Hilfe des Kommunikationsmodells können die Betroffenen ein Problembewusstsein (Stichwort Verstecktaktik) entwickeln, auf dessen Basis sie mit Hilfe der Hör- und Kommunikationstaktik einen stress- und angstfreieren Umgang mit dem Handicap lernen können. Und nebenbei kann sich ihre innere Einstellung zur Hörbehinderung positiv verändern, was wiederum den Weg zu einem stärkeren Selbstbewusstsein ermöglicht.


Chat-Protokoll

Moderator: Ich begrüße Herrn Jochen Müller ganz herzlich und die Teilnehmer, die schon online sind. Bitte beachten Sie, dass dieser Chat moderiert wird. Ihre Beiträge werden also erst nach einem Check dem Experten zugeleitet. Bei hoher Beteiligung kann es etwas länger dauern bis Ihre Frage beantwortet wird. Ich wünsche einen regen Meinungsaustausch und nun kann es losgehen.
bubi: Hallo und guten Abend
Jurk: Hallo, allerseits!
Jochen Müller: hallo hier ist Jochen Müller. Ich bin schon ganz gespannt auf die Fragen!
Moderator: na dann mal los Leute...

bubi: Was meint man mit Kommunikationsbrücken?
Jochen Müller: Wenn zwei Menschen kommunizieren dann ist die Kommunikation wie eine Brücke zwischen zwei Menschen.

bubi: Warum Kommunikationsbrücke? Welche Verknüpfung soll hiermit hergestellt werden?
Jochen Müller: Wir haben eine Kommunikationsbehinderung, die Behinderung ist unsichtbar, wenn wir andere auf unsere Behinderung aufmerksam machen, dann glauben sie, sie müssen lauter sprechen. Und wenn wir trotzdem nicht verstehen, dann fällt es ihnen schwer mit uns umzugehen. Deswegen habe ich eine Brücke gewählt, um die Probleme sichtbar zu machen.

bubi: Werden nur Hörgeschädigte angesprochen oder auch Gehörlose?
Jochen Müller: Ich spreche in erster Linie von Schwerhörigen und CI-Trägern.

Jurk: Hallo Jochen, wie zufrieden bist du mit den CIs und inwieweit wirken sie sich auf deine Kommunikationsbrücken aus?
Jochen Müller: Tut mir leid, das kann ich in diesem Rahmen nicht erklären.

bubi: Wie kann die Kommunikationsbrücke das Problem von hörgeschädigten Menschen sichtbar machen?
Jochen Müller: Ich merke grade, dass es schwierig ist, die Thematik zu erklären ohne zu wissen wie das Kommunikationsmodell aufgebaut ist. Ich möcht hierzu auf mein Homepage hinweisen die in Kürze eröffnet wird: http://www.kommunikationsbrücke.de

Deafi: Hallo

StefanB: Welche Brücke meinen Sie, die Gebärdensprache?
Jochen Müller: Stefan, du stellst viele Fragen, die ich so konkret nicht beantworten kann. Ich möchte darauf hinweisen, dass ich mit diesem Modell Seminare und Workshops anbiete.

Jurk: Na, ist es einfacher und leichter geworden?
Jochen Müller: Was meinst du genau?
Jurk: Ich meine damit, inwieweit dir persönlich die CIs den Aufbau einer Kommunikationsbrücke erleichtern.
Jochen Müller: Meine beiden CIs erleichtern mir das Verstehen, d.h. ich habe dadurch mehr Kommunikationsmaterial (= Sprache) zur Verfügung, mit dem ich arbeiten kann. Das Hören und Verstehen ist jedoch nur ein Teil der Kommunikation. Problematisch sind da eher unsere Gesprächspartner. Entweder sie können nicht deutlich sprechen oder sie wissen nicht wie sie mit uns umgehen sollen. Zusammengefasst sind das eigentliche Problem in unserer Kommunikation unsere Mitmenschen.

Deafi: Lässt sich das Modell auch an Hörenden anwenden? Leider kann mir die Homepage noch nicht erklären, was die Kommunikationsbrücke sein soll.
Jochen Müller: Dieses Modell ist für alle gedacht, die direkt oder indirekt mit Hörbehinderten zu tun haben. Es möchte zeigen, welche Störungen, Missverständnisse und Unsicherheiten in der Kommunikation auftreten können. In einem 2. Teil werden Möglichkeiten und Wege aufgezeigt, wie ich sowohl die Kommunikation verbessern als auch mit Hör- und Kommunikationsstress umgehen kann.

Deafi: ach so... Workshops also. Wie oft finden diese statt?
Jochen Müller: Wie geschrieben, ich biete Seminare und Workshops an oder, wenn man so will, man kann mich mieten.

Anna: Also das Thema ist Kommunikationsbrücken, da wüsste ich nun schon gerne, was ich darunter verstehen soll, deshalb bin ich hier.
Jochen Müller: ok, ich versuch's. Auf der linken Seite steht das Schlappohr auf der rechten Seite der Hörende. Zwischen beiden ist eine tiefe Schlucht, die mit einer Brücke überbrückt wird. Wenn wir uns diese Brücke vorstellen dann kann z.B. die Brücke Risse haben und zwischen diesen Rissen stehen - angefangen beim Schlappohr - die Begriffe Minderwertigkeit, Unsicherheit Befremden, Vorurteile/Diskriminierung bis zum Hörenden herüber.

otto: Können Sie eine Verbindung mit dem CI und der Kommunikationsbrücke in der Identitätsfindung herstellen?
Jochen Müller: Mit der Kommunikationsbrücke kann man zu allem eine Verbindung herstellen. Zu mir selbst als Mensch, zu meiner Hörbehinderung, wie ich damit umgehe und welche Schwierigkeiten es mir macht, als auch zum Hörenden, welche Schwierigkeiten er mit mir hat, warum er sie hat. Und wenn ich dies verstehe, dann weiß ich auch wie ich ihm "helfen" kann.

Deafi: fahren Sie in irgendwelche Betriebe, wo Hörgeschädigte arbeiten und bieten dann ihre Hilfe an?
Jochen Müller: nicht direkt, eigentlich fahre ich überall dort hin, wo man sich für das Kommunikationsmodell interessiert und mehr erfahren möchte.

otto: Hm.... mir fällt ein, dass hörgeschädigte Menschen oft unter sich bleiben, um die Kommunikationsbrücken zu umgehen, das führt zur Isolation... der Guthörende kann dies meist nicht nachvollziehen... sind daher Kommunikationsbrücken auch mit einer Supervision zu vergleichen?
Jochen Müller: Dass hörbehinderte Menschen unter sich sind, finde ich sehr positiv, ich bin nämlich auch einer. Ich bezeichne den Kontakt untereinander als Tankstelle, um in der hörenden Welt bestehen zu können. Was ich jedoch vermisse ist, dass die Hörbehinderten sich über ihre Erfahrungen in der hörenden Welt austauschen, um ihre Kommunikationsfähigkeit zu verbessern. Eigentlich sind wir doch Fachleute, aber wir nutzen uns nicht. Sicherlich kann man das Kommunikationsmodell auch in einer Supervision ein setzen.

Deafi: Können Sie ein Beispiel nennen, wie man mit Hörstress umgehen muss?
Jochen Müller: in der Kommunikation sind wir immer bemüht, möglichst viel zu verstehen, dazu nutzen wir die Hörtaktik. Das sind alles Hilfsmittel, die uns persönlich zur Verfügung stehen: Hören, Absehen, das Deuten und Auslegen von Mimik und Körpersprache, und alle zusammen müssen wir kombinieren. Es liegt auf der Hand, dass diese geistige Höchstleistung nur für eine begrenzte Zeit möglich ist. Wir selber stehen aber ständig unter dem Druck des Verstehen-Müssen, weshalb wir unsere Grenzen oft überschreiten und merken es erst, wenn es zu spät ist. Unsere Grenzen zu erkennen, ist ein Teil des Kommunikationsmodells.

inki: hallo Jochen, hast du in deinen Workshops die Erfahrung gemacht, dass dein Modell für andere Hörgeschädigte ebenso hilfreich ist - haben sie damit die Situation besser im Griff, oder was macht dein Modell mit ihnen?
Jochen Müller: Ich mache die Erfahrung, dass die Hörbehinderten im wahrsten Sinne des Wortes wach werden, weil sie glaubten, die Kommunikationsprobleme im Alltag nicht lösen zu können weshalb sie in die Defensive gehen. In der Konfrontation mit dem Modell erkennen sie, dass man mit der Kommunikation experimentieren kann, z.B. andere Verhaltensweisen ausprobieren oder zielgerichtet auf die Hörbehinderung hinweisen und wie man damit umgeht. Das führt oft dazu, dass wir ganz andere Erfahrungen machen in der Kommunikation und dadurch in uns Fähigkeiten entdecken und sie weiterentwickeln können.

Jurk: Eine ausführliche Erklärung deines Brückenmodells bietest du aber sicher noch im Rahmen der Reha in Bad Grönenbach an, oder?
Jochen Müller: Ja

otto: Kommen sie auch in Selbsthilfevereine, um Kommunikationsbrücken zu erläutern? Was kostet das?
Jochen Müller: Ich komme überall hin. Über die Kosten wird verhandelt, da die finanziellen Möglichkeiten sehr unterschiedlich sein können, ich bin also flexibel.

Teetrinker: Gibt es einen Unterschied zwischen Spät- und Frühschwerhörigen? Lässt sich das am Modell erklären?
Jochen Müller: Sicherlich gibt es Unterschiede, ich finde, dass sie nicht sooo groß sind. Ich mache sogar die Erfahrung, dass sie sich wunderbar ergänzen können.

otto: Warum neigen hörgeschädigte Menschen eher dazu depressiv zu sein?
Jochen Müller: Für Menschen mit einem Hörverlust gibt es nur die medizinische und die technische Versorgung. Die Erfahrung zeigt, dass mit der technischen Versorgung die eigentlichen Probleme im Alltag, insbesondere am Arbeitsplatz beginnen. Diese Menschen wissen nicht und bekommen auch keine entsprechenden Informationen, wie sie diese lösen können. Dies führt in den meisten Fällen dazu, dass man Kontakte reduziert oder den Rückzug wählt. Das macht depressiv.

Jurk: Schönen Dank für deine Antworten und alles Gute für dich und deine Arbeit.

otto: Es gibt einen schönen Spruch von Immanuel Kant: etwa so, nicht Sehen trennt von Dingen, nicht Hören trennt vom Menschen... wie kann ich da eine Kommunikationsbrücke bauen? Oder machen sie das, als psychologische Therapie?
Jochen Müller: Wie ich schon ausführte, fühlt sich der hörbehinderte Mensch, insbesondere derjenige, der keinen Kontakt mit Gleichbetroffenen hat, mit seiner Lebensproblematik allein gelassen. Solchen Menschen gelingt es nicht mehr, Kommunikationsbrücken zu bauen. Das Kommunikationsmodell ist daher auch besonders für diese Menschen gedacht, wie ich es hier in der Klinik praktiziere.

otto: Die eingrenzende Isolation hörgeschädigter Menschen kann er sich oft nachteilig im Beruf oder Umfeld auswirke... da fehlt die verstärkte Kommunikation mit der Sprache... es überwiegt die Gebärdensprache, obwohl man nicht gehörlos ist... eine gesprengte Kommunikationsbrücke tut sich auf... wie kann diese wieder aufgebaut werden?
Jochen Müller: Wenn ein Hörbehinderter nicht weiß, wie er mit Kommunikationsproblemen umgehen kann, dann ist er "sprachlos" und bricht damit die Kommunikationsbrücke ab. Er muss also wieder das Bauen von Kommunikationsbrücken lernen. Das Kommunikationsmodell schafft die Voraussetzungen für einen Lernprozess, wie man trotz Kommunikationsbehinderung wieder Brücken bauen kann.

Moderator: Die Zeit ist leider abgelaufen. Vielen Dank an Herrn Müller für die Beantwortung der Fragen, Dank auch an die Frager für die rege und lebhafte Teilnahme. Das Chat-Protokoll steht in den nächsten Tagen an dieser Stelle zur Verfügung. Ich wünsche allen noch einen schönen Abend. Der Chat wird jetzt geschlossen.
Jochen Müller: Ein Dankeschön an alle! Alles Gute und tschüss

 

 

 


 

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