zur Navigation springen | Zum Artikel springen

 

Expertenchat März 2009

Am 18.03.2009 fand ein Expertenchat statt mit

Petra Blochius zum Thema: ""Hörgeschädigte Kinder in Regelschulen"

 

 Petra Blochius

  • von Geburt hochgradige Schwerhörigkeit mit progredientem Verlauf (seit dem ersten Lebensjahr Hörgeräteträgerin).
  • seit 1999 Cochlear-Implant-Trägerin,
    seit 2008 beidseitig mit CI versorgt
  • verheiratet, zwei Kinder,
    wohnhaft in Modautal/Odenwald
  • Oberinspektorin in der Schulaufsicht
  • Bachelor of Arts
    (mit Schwerpunkt Erziehungswissenschaft)
  • Audiotherapeutin (DSB) seit 2001
    (www.audiotherapie-blochius.de)
  • Besuch von Regelschulen bis zum Abitur

  • ehrenamtlich aktiv in der Bundesjugend im Deutschen Schwerhörigenbund e.V. seit 1992
  • Leitung von audiotherapeutischen Seminaren seit 2000
  • Mitinitiatorin des Projekts der Bundesjugend im DSB e.V. "Netzwerk - Hörbehinderte Kinder und Jugendliche an Regelschulen"

Hörgeschädigte Kinder in Regelschulen:

Immer mehr hörbehinderter Kinder besuchen Regelschulen. Die Schulen stehen der integrativen Beschulung inzwischen recht positiv gegenüber. Zudem unterstützen das Cochlear-Implantat und moderne Kommunikationsanlagen diese Integrationsbemühungen.

Dabei darf aber nie übersehen werden: hörgeschädigte Kinder hören und verstehen trotz bester medizinischer und technischer Versorgung nicht so gut wie ihre guthörenden Mitschüler und haben andere kommunikative Bedürfnisse.

Hörbehinderte Kinder und Jugendliche in Regelschulen brauchen , um die Schulzeit bewältigen zu können:

  1. Eine an die Bedürfnisse des hörgeschädigten Kindes angepasste Kommunikationsform und entsprechende kommunikative Hilfen
  2. Eine gute Klassenraumakustik
  3. Eine umfassende Betreuung und Beratung hörgeschädigter Kinder und Jugendlicher inRegelschulen, deren Eltern und Lehrer, sowie Aufklärung der hörenden Mitschüler durch speziell ausgebildete Pädagogen der ambulanten Fördermaßnahmen.
  4. Kommunikations- bzw. Kompetenztraining als außerschulisches Angebot
  5. Die Unterstützung und Förderung von sozialen Netzwerken bzw. Kontakten zu anderen hörgeschädigten Regelschülern.

Chatprotokoll

Moderator: Ich begrüße Petra Blochius ganz herzlich und die Teilnehmer, die schon online sind. Bitte beachten Sie, dass dieser Chat moderiert wird. Ihre Beiträge werden also erst nach einem Check dem Experten zugeleitet. Bei hoher Beteiligung kann es etwas länger dauern bis Ihre Frage beantwortet wird. Ich wünsche einen regen Meinungsaustausch und nun kann es losgehen.

Laura: Was macht das Thema Regelschule so schwierig?
Petra Blochius: Hallo Ihr Alle! Und dann gleich eine schwierige Frage: das hängt mit der Hörschädigung zusammen, die selbst schwer nachzuvollziehen ist.
Nichtbetroffene denken auch ein Kind mit schlechten Ohren und Hörgeräten hat wenig Probleme in der Schule - man sieht halt keine Behinderung

Ditta: Mich interessiert dieses Thema, weil meine Nichte auch ein Fall ist.
Petra Blochius: Und klappt das gut in der Schule? Es gibt sehr unterschiedliche Erfahrungen.

Veronika: Worauf müssen Eltern achten, damit das Kind beim Unterricht folgen kann? Räumlich?
Petra Blochius: Man muss auf viele verschiedene Dinge achten. Was Raumakustik anbelangt gibt es schon viele Broschüren und Hinweise, die man auch auf der In-Ohr-Seite der Bundesjugend im DSB e.V. findet. Wichtig wären Teppichboden, keine kahlen festen Wände und große Fensterfronten, besser Vorhände, Bilder - alles was den Raum weniger hallig macht.

Fila: Hallo, ich bin Hörgeräteträgerin und überlege, ob ich mein Abi an einer Einrichtung für hörgeschädigte machen soll...
Petra Blochius: Es gibt in Essen, Stegen und Hamburg die Möglichkeit, das Abitur mit Gleichbetroffenen zu machen. Wenn du das Gefühl hast, in der Regelschule immer außen vor zu stehen, wenig Freunde und das Gefühl hast, ständig für deine Bedürfnisse kämpfen zu müssen, ist eine Schule, wo man das Abi mit Hörgeschädigten machen kann, besser.

Laura: Wie sieht das Thema mit Gebärdensprache aus?
Petra Blochius: Derzeit gab es und gibt es Modellversuche, wo gehörlose Kinder in Regelschulen mit Gebärdendolmetscher unterrichtet wurden. Es gibt viele positive Rückmeldungen hierzu und der Gehörlosenverband kämpft dafür, dass hörbehinderte Kinder, wenn sie Gebärden brauchen, diese auch in der Regelschule bekommen. Und das ist auch gut so.

Moderator: Es sind 17 User online und viele Fragen, bitte etwas Geduld

Veronika: Ist eine U-Form als Tischanordnung sinnvoll? Wie sieht es mit der FM-Anlage aus? Warum reicht das nicht aus?
Petra Blochius: Die Tische sollten so gestellt sein, dass der Hörbehinderte möglichst alle Gesichter sehen kann - von daher ist eine U- oder Hufeisenform das Beste - und das Kind muss am Fenster sitzen, nicht auf das Fenster schauen. FM-Anlage reicht nicht alleine aus, weil damit überwiegend der Lehrer verstanden wird, nicht immer die Mitschüler - oder ein Mikrofon muss immer weitergereicht werden. Trotzdem ist auf andere Dinge zu achten.

Moehre: Hallo Frau Blochius, haben Sie selbst eine Regelschule besucht?
Petra Blochius: Ja, ich habe ausschließlich von der Grundschule an eine Regelschule besucht, bin seit dem ersten Lebensjahr Hörgeräteträgerin. Ich habe keine FM- Anlage benutzt, da ich mich schämte, und sonst keine sonderpädagogische Betreuung gehabt.

Ditta: Wie kann man die Realität eines gehörlosen CI-Träger in der Regelschule anerkennen lassen?
Petra Blochius: Ihre Frage versehe ich leider nicht ganz - wichtig ist immer die Aufklärung - zeigen Sie den Lehrern die Erfahrungsberichte aus dem Internet oder Broschüren.

Veronika: Weswegen sollten die/der hörgeschädigte Schülerin bzw. Schüler mit dem Fenster zum Rücken sitzen?
Petra Blochius: Wenn man vor dem Fenster sitzt und die Sonne scheint rein, ist das Mundbild nicht mehr sichtbar, da im Schatten. Das erschwert das Absehen von den Lippen sehr.

Ditta: ja, mit viel Mühe und Kämpfen der Mutter
Petra Blochius: Und wie sieht es mit dir aus, kämpfst du auch, lässt du dich mittragen, möchtest aber was anderes?

Laura: Wie groß sollte möglichst die Klassenfrequenz sein, damit die Schülerin optimal folgen kann?
Petra Blochius: Tja, eigentlich dürfte die Klasse nicht größer als 15 Personen sein. Das ist aber leider unrealistisch! Da unfinanzierbar.
HolgerBauditz: 27 Kinder sind Realität
Petra Blochius: Traurig aber wahr.

Fila: ich nutze FM, komme gerade so mit, aber habe keine Freunde. Eine Bekannte von mir geht auf eine Schwerhörigenschule und hat mehr Freunde als ich
Petra Blochius: Gerade dann solltest du einmal Kontakt zu anderen Schwerhörigen suchen. Die Bundesjugend im DSB bietet Wochenendseminare, Freizeiten, Sommerurlaub, Sommercamp an. Dort lernst du andere Hörgeschädigte kennen und wirst deine Hörschädigung mit anderen Augen sehen - und dich vielleicht für eine Hörgeschädigtenschule entscheiden oder so viel Selbstbewusstsein tanken, dass du auch unter Hörenden besser klar kommst.

Ditta: Ja, die Kommentare der einzelnen Lehrer: das braucht sie nicht zu wissen, sie hat es aber verstanden usw.
Petra Blochius: Für die Lehrer ist es oft schwer, die Folgen einer Hörschädigung zu verstehen. Viele Hörgeschädigte sind unauffällig im Unterricht und die Lehrer denken, sie versteht doch alles... was aber sich alles hinter dem schlechten Hören verbirgt, können wenige verstehen.

Doro: Warum können sich Nichtbetroffene so schwer in die Situation von Hörbehinderten einfühlen?
Petra Blochius: Man kann die Augen schließen und sich vorstellen, nicht zu sehen. Die Ohren können wir nicht zumachen. Nichtbetroffene können das nicht nachvollziehen. Sind Hörgeräte nicht wie Brille? Das Kind muss doch jetzt alles verstehen - und tatsächlich im Zweiergespräch versteht es auch gut, aber warum sagt es nichts mehr auf dem Pausenhof?

Veronika: Weswegen ist Disziplin beim Unterricht so notwendig, warum können Nebengeräusche so stören? Oder dazwischengequatsche.
Petra Blochius: Bei deiner Hörschädigung ist das selektive Hören eingeschränkt. Ein gesundes Gehör kann Nebengeräusche mehr oder weniger herausfiltern - verdrängen, ein gestörtes Gehör kann es nicht mehr - alle Geräusche prasseln laut auf einen ein und das Gehör kann das Wichtige - die Sprache - nicht mehr herausfiltern. Daher erschweren Nebengeräusche im Klassenraum das Verstehen.

Schlappohr: Wie ist das eigentlich mit FM-Anlagen? Gibt es da nicht Probleme mit den normal hörenden Mitschülern?
Petra Blochius: Es ist für die Mitschüler manchmal nervig, die Anlage herumzureichen und dann warten zu müssen. Man will doch sein Wissen gleich loswerden und wegen der Schwerhörigen da dauert alles sooo lange. Dann kommt der Schwerhörige in so eine Sonderolle - die FM-Anlage ist für viele Schwerhörige das Symbol für ihre Sonderrolle - aber eigentlich ist das Unfug!

Moderator: 22 User online, bitte etwas Geduld, Frau Blochius versucht, ausführlich zu antworten

StefanieS: Hallo. Ich schreibe derzeit meine Diplomarbeit zum Thema Gebärdensprachdolmetschen für gehörlose Kinder an Regelschulen. Ich habe schon ein paar Dolmetscher interviewt. Von wie vielen Fällen in Deutschland wissen Sie diesbezüglich? Welche Erfahrungen gibt es da? Gibt es mittlerweile ein Anrecht darauf, dass Dolmetscher bezahlt werden?
Petra Blochius: Im Bezug auf Gebärdendolmetschen im Unterricht habe ich nicht so viel aktuelles Wissen und Zahlen. Es wird aber schon in vielen Bundesländern praktiziert. Meistens aber im Rahmen von Schulversuchen. Die Finanzierung ist ein großes Problem, was noch nicht gelöst ist - man gleichwohl aber auch auf das Recht eines Gebärdensprachdolmetschers pochen könnte - wegen Art.3 GG und dem Bundesbehindertengleichstellungsgesetz.

Laura: Wie sieht es mit Englisch aus? Sollte die hörgeschädigte Schülerin zuerst die Aussprache lernen, damit sie nachvollziehen kann, wie das ausgesprochen wird? Oder kann man gleich damit anfangen englisch zu sprechen?
Petra Blochius: Ich denke, dass man die Aussprache dann lernt, wenn man die Sprache spricht. Komischerweise kenne ich viele Hörbehinderte, die weniger Probleme in Englisch haben. Das liegt wohl auch daran, dass Englisch viel vokallastiger ist als Deutsch (mehr Konsonanten) und Englisch daher oft besser verstanden wird.

Sabine: Ich habe einen fast zwölfjährigen hg-Jungen (mittelgradig links, hochgradig, rechts), der ein katholisches Gymnasium (Regelschule) in Mannheim besucht. Gibt es Erfahrungen mit einer Beschallungsanlage wie die Phonic-Ear-Soundanlage für das Klassenzimmer o.ä. technische Hilfsmittel. Wer übernimmt die Finanzierung, wie stehen die Schulbehörden oder das Ministerium dazu?
Petra Blochius: Es gibt inzwischen von mehreren Firmen sehr gute FM Anlagen für den Unterricht, inzwischen sogar mit Zusatzsendern für Mitschüler. Da muss man sich beim Akustiker und im Internet erkundigen. Normalerweise übernehmen Krankenkasse die Kosten für die FM Anlage - wenn bei dem Jungen auch sonderpädagogischer Bedarf festgestellt wurde. Nehmen Sie mal Kontakt zu der Schule in Frankenthal und dem Mobilen Dienst dort auf. Der kann ihnen diesbezüglich helfen.

Ditta: wie kann man die oben genannten Kommentare der Lehrer rechtlich widerlegen?
Petra Blochius: Rechtlich widerlegen - puh. Über den Nachteilsausgleich! Hierzu gibt es für Hörgeschädigte schon Empfehlungen, die von Hörgeschädigtenpädagogen ausformuliert wurden. Die kann man vorlegen, zu finden auch u.a. auf den http://www.in-ohr.de Seiten.

Schlappohr: Ich bin schwerhörig und habe in der Schule nur 3 Freunde und nur einer davon ist in meiner Klasse.
Petra Blochius: Die Anzahl der Freunde ist ja nicht entscheiden, wichtig ist wie gut die Freundschaft ist und ob du dich wohl fühlst. Wie schon gesagt, Kontakt zu anderen Schwerhörigen aufnehmen, da findest du bestimmt neue Freunde. Da du dich Schlappohr nennst, in NRW gibt es eine entsprechende Selbsthilfegruppe für hörgeschädigte Regelschüler, die sich Schlappohren nennt.

HolgerBauditz: Guten Abend, unser Sohn ist 8 Jahre (3.Klasse Regelschule mit Integration) hochgradig hörgeschädigt mit Geräten beidseitig, abgesehen von räumlichen Bedingungen sehe ich Probleme vermutlich ab der 4. Klasse speziell im Fach Deutsch da der Wortschatz mit gleichaltrigen und das Sprachverständnis unterschiedlich sind (spät erkannte Hörschädigung da zweisprachig). In Mathe gibt es gar keine Probleme (bisher), wie lange sollten Eltern "Abstriche" in Kauf nehmen bis z.B. über Schulwechsel nachgedacht werden sollte?

Moderator: Heute Abend haben wir eine Rekordteilnahme: 25 User z.Zt.!

momokracher: Hallo,ich bin hier neu und habe ein med-el und ein clarion!!!!!
WER HAT LUST MIT MIR ZU CHATTEN??????Momokracher
Moderator: hallo, das ist ein Expertenchat, keine unterschiedliche Räume, sorry

Petra Blochius: Bei vielen hörgeschädigten Kinder kommen die Probleme erst in der 7./8. Klasse - Beginn der Pubertät und der Unterricht wird Schülerbezogener, d.h. es wird mehr diskutiert und gemeinsam etwas erarbeitet. Wichtig ist es, dass ihr Sohn selbstbewusst mit der Hörschädigung umgeht und seine Bedürfnisse artikulieren kann. Dann kann er es auch auf einer Regelschule schaffen. Wenn nicht, ist er eher zurückgezogen, geht er nicht so gerne in die Schule oder hat er wenige Freunde, dann sollte man über einen Wechsel nachdenken und hier ist ein früherer Zeitpunkt besser als zu spät - wenn er dann gar keinen Bock mehr hat.

momokracher: Haaaaaaaaaaaaaaaaaallllllllllllllllllllllllooooooooooooooooo!!!!!!!
Moderator: jau, wie gesagt, Expertenchat, nur ein Raum

Schlappohr: Und wie sind Sie im Unterricht und mit Ihrem Mitschülern klargekommen?
Petra Blochius: Das war die erste Zeit bis zur 9. Klasse kein Problem. Ab der Pubertät wurde es schwierig. Habe mich immer mehr zurückgezogen. Zum Glück hatte ich eine gute Freundin bis zum Abitur. Ansonsten waren die Mitschüler für mich das größte Problem in der Schule, nicht der Unterricht.

Moehre: Was hätten sie sich von einem betreuenden Förderlehrer am meisten gewünscht, wenn Sie unterstützt worden wären?
Petra Blochius: Wenn er mir meine Hörschädigung erklärt und mir Werkzeug in die Hand gegeben hätte, damit umzugehen. Wie erkläre ich meine Schwerhörigkeit. Das Bewusstsein zu bekommen, ich bin kein Versager, sondern die Schwerhörigkeit macht es unmöglich, mich auf Partys einzubringen.

Gast6519: Hallo zusammen.

Schlappohr: In meiner Klasse wird im Unterricht viel gequatscht und ich krieg meist überhaupt nicht mehr mit, dass der Lehrer etwas sagt.
Petra Blochius: Die hörenden Mitschüler verstehen dann wahrscheinlich auch nicht mehr viel - aber für dich ist es noch schwieriger. Suche das Gespräch mit der Schulleitung und dem Lehrer bzw. Vertrauenslehrer. Hast du keinen Beratungslehrer von der Schwerhörigenschule. Schildere deine Probleme!!

Veronika: Ich habe viel Negatives über Integration an Regelschulen gehört, gibt es vielleicht auch positive Beispiele?
Petra Blochius: Natürlich gibt es auch positive Beispiele. Ich habe auch viel in der Regelschule gelernt von dem ich in meinem Leben sehr profitiert habe, z.B. eigenständiges Lernen, Probleme selbst zu lösen, Informationen zu beschaffen.

Sabine: Frau Blochius, ich habe viel darüber gelesen, dass sich schwerhörige Schüler, auch Ehemalige, oft als minderwertig gegenüber normal hörenden Schülern empfinden und empfunden haben und meinen, ihr Selbstbewusstsein hätte in der Schulzeit ganz schön gelitten. Einfach weil sie immer mit den anderen mithalten wollten und sich an Normalhörenden gemessen haben und dabei meist schlechter abgeschnitten haben (nicht nur notenmäßig sondern auch von der Integration, dem Gefühl, einer Gruppe zugehörig zu sein, alles zu "Kapieren" was an Gesprächen, Witzen usw. abging) Gibt es für mich als Mutter eines schwerhörigen Schülers Möglichkeiten, ihn in besonderer Weise zu unterstützen, dass er sich nicht minderwertig oder "außen vor" erlebt? Was kann er selbst dazu tun?
Petra Blochius: Das mit der Minderwertigkeit erfahren viele hörgeschädigte Schüler und erzählen mir davon. Sie können ihr Kind dahingehend unterstützen, dass sie mit ihm den Kontakt zu anderen hg Schülern ermöglichen. Denn im Kontakt mit Gleichbetroffenen verschieben sich Werte, man vergleicht sich nicht mehr nur noch mit den Hörenden sondern mit Gleichbetroffenen, und das ist sooo wichtig.

Moderator: Hallo, wir haben noch zehn Minuten und ungefähr noch zehn Fragen
für Frau Blochius, bitte keine weiteren Fragen mehr, damit noch alle gestellten beantwortet werden können, vielen Dank.

Thera: Unter diesen Umständen ist es schwer für die Lehrer zu verstehen, warum man dann überhaupt noch eine Regelschule besucht.
Petra Blochius: Natürlich klingt vieles negativ, aber ich bin nicht gegen die Regelschule ich meine, hg Kinder müssen besser auf die Zeit in der Schule vorbereiten werden. Sie müssen kommunikativ und sozial kompetent werden, mit der Hörschädigung umzugehen. Dann kann es auch in der Regelschule klappen.

Jutta: Was macht den Kampf um die kommunikative Teilhabe in Bezug auf die Identitätsentwicklung eines lautsprachlich orientierten Hörgeschädigten in Regelschulen so gefährlich? Wenn hier bestimmte Grundsätze nicht beachtet werden.
Petra Blochius: Der Anpassungsdruck an die Kommunikation mit der gut hörenden Welt. Wir brauchen andere kommunikative Voraussetzungen. Und das wird selten gesehen - auch von den Betroffenen.

Thera: Wie macht man denn seinen Lehrern klar, warum man trotz seiner Schwerhörigkeit unbedingt die Schule weiter besuchen und Abi machen möchte?
Petra Blochius: Mit ihnen reden, was brauche ich, um hier das Abi zu schaffen. Weißt du was du brauchst - das ist ja nicht immer klar.

Fila: was ist mit meiner Frage?
Moderator: Hallo Fila, ich kann deine Frage nicht mehr finden, bitte noch einmal stellen

Sabine: Sie haben vorher etwas zu den Gesetzen gesagt: Bundesbehindertengleichstellungsgesetz. Ist das für die schulische u. berufliche Integration wichtig?
Petra Blochius: Das ist wichtig, wenn man die Ansprüche zum Nachteilsausgleich geltend machen will. Immer auf diese Gesetze hinweisen!!!

Schlappohr: Ist eine FM-Anlage also eine gute Idee oder eher schlechte? Mein Kontaktlehrer hat mir geraten, eine zu nehmen, aber ich habe noch Bedenken wegen meines schlechten Stands in der Klasse.
Petra Blochius: FM Anlage in jeden Fall. Habe erst im Studium eine benutzt und habe mich riesig geärgert, dass ich es nicht in der Schule getan habe. Das hätte mein Schuldasein so viel leichter gemacht.
Schlappohr: Englisch ist mein Lieblingsfach. Wenn wir aber listening comprehension machen, verstehe ich nur Wortfetzen. Das wird bei mir aber nicht benotet.

Moderator: bitte keine Fragen mehr

clapton: Man kann mit der FM-Anlage ein Netzwerk aufbauen. Bis 10 Schüler können dann daran teilnehmen und der Schüler mit FM-Anlage kann bis 10 Antworten hören.
Silke: Die FM-Anlage macht vieles leichter im Unterricht, du solltest sie ausprobieren

Thera: Für das Abi wird jedoch eine zweite Fremdsprache benötigt. Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Verstehen und zurechtfinden von Hörgeschädigten in Fremdsprachen?
Petra Blochius: Französisch ist schwierig, dann eher Latein . Ist aber eine persönliche Meinung.

Jutta: Danke, der Chat hat richtig Spaß gemacht!

buxtehude: Gibt es auch Selbsthilfegruppe für hörgeschädigte Regelschüler in der Grundstufe in Hessen?
Petra Blochius: In Hessen gibt es Elterngruppen. Die Lauscher und der Verein Unerhört. Wir machen demnächst im Rhein Main Gebiet einen Kinder- und Jugendtreff für hg. Regelschüler auf. Infos unter http://www.in-ohr.de, aber erst zum neuen Schuljahr. Das Projekt heißt Hörnix.

buxtehude: Vielen Dank, Petra Blochius!

CIlerin: Du selbst gingst früher auf Regelschule! War das für dich im Nachhinein gut oder denkst du, dass es besser wäre eine hörgeschädigten Schule zu besuchen?
Petra Blochius: Manchmal denke ich, es wäre besser gewesen, nach Stegen zu gehen. Aber im Endeffekt habe ich vieles an meinen negativen Erfahrungen gelernt aber nur dann, weil ich bei der Bundesjugend im DSB gelandet bin.

Moehre: Vielen Dank!
Fila: ...?
Moderator: ist die letzte Frage in der Schlange...
Thera: Vielen Dank und schönen Abend
Petra Blochius: Vielen Dank, ich konnte leider nicht alle Fragen beantworten.
Moderator: Hallo Frau Blochius, wenn Sie noch können, bitte den Rest auch noch...
Schlappohr: Hätte gern mehr erfahren, aber der Chat hat mir viel gebracht. Besten Dank!
Sabine: Kann ich auch zu Clapton Kontakt aufnehmen, ich will gerne wissen, wie das mit dem Netzwerk mit der FM-Anlage geht. Lieber Moderator: geht das, dass ich Kontakt zu Clapton bekomme, evtl. nach dem Chat?
Moderator: Das ist schwierig, ich habe keine Emails

Schlappohr: Eine Freundin von mir ist auch schwerhörig. Sie möchte keinen Nachteilsausgleich, weil die Direktorin sie schon die ganze Zeit auf einer Schwerhörigenschule haben will.
Petra Blochius: Ich kann nur noch 5 Minuten, meine Jungs wollen ins Bett. Nachteilsausgleich immer anfordern, darauf hast du ein Recht. Da kann sie nicht mit Schwerhörigenschule kommen.

Schlappohr: Ich möchte mich zuerst erkundigen, was es für neue Hörgeräte gibt, bevor ich mir eine FM-Anlage zulege.
Petra Blochius: Die Hörgeräte müssen schon kompatibel mit den Anlagen sein, ist aber eigentlich kein Problem.

Sabine: Darf ich meine mail-Adresse weitergeben, oder ist das tabu?
Moderator: nein, damit haben wir kein Problem, aber wie kommen wir an Claptons?
Clapton noch online???
Silke: Erkundige dich bei deinem Hörgeräte-Akustiker, er kann dir das mit dem Netzwerk erklären. Das Netzwerk funktioniert mit dem neuen Inspiro Sender von Phonak
Sabine: Vielen Dank an alle, besonders an Sie, Frau Blochius. Danke Silke für den Hinweis, ich werde das weiterverfolgen...
Silke: Gerne

Gast3623: Wann ist der Zeitpunkt gekommen, die Regelschule zu verlassen und eine Förderschule zu besuchen?
Petra Blochius: Wenn man nicht mehr das Gefühl hat, sich selbst zu sein, sondern so wie es mein Umfeld möchte. Angepasst um jeden Preis.

Gast8198: Hallo, unsere Tochter ist in der 1. Klasse der Regelschule, erst seit einem Jahr mit CI versorgt und vorher mit Gebärdensprache erzogen. Wo kann ich Unterstützung finden um eine geeignete Fachkraft als Begleitung für sie zu finden?
Petra Blochius: Überall gibt es Mobile Dienste, wo ambulante Beratungslehrer hg Kinder an Regelschulen unterstützen. Fragen Sie in der nächstgelegenen Hörgeschädigtenschule nach.

Moderator: Hallo Fila, bitte mal deine Email, ich vermittle den Kontakt

Moehre: Du kannst sicherlich auch in einer HG-Schule unverbindlich ein paar Tage hospitieren. Vielleicht macht das die Entscheidung pro/contra leichter...

CIlerin: Wie man "meine Schwerhörigkeit" im Alltag erklärt, wurde damals von der hörgeschädigten Schule leider auch nicht vermittelt
Petra Blochius: Das stimmt, auch die Hörgeschädigtenschulen haben das Problem zum Teil noch nicht erkannt. In einigen gibt es bereits Hörgeschädigtenkunde mit diesen Themen.

Schlappohr: Es sind sehr gute Freunde. Allerdings nervt es sie, dass es schwierig für sie ist, weitere Freunde zu finden. Denn wer sich mit mir anfreundet, wird automatisch zum Außenseiter.
Petra Blochius: Das kann ich mir gar nicht so vorstellen - aber da scheint es schon sehr schwierig bei dir zu sein - suche Kontakt zu kompetenten Leuten die dir helfen können vor Ort.

Schlappohr: Ich habe in der Schule außer Mathe keine ernsthaften Probleme. Das Problem sind wie bereits gesagt die "lieben" Mitschüler.
Petra Blochius: Ja wie die meisten

buxtehude: ich kann nur den unteren Chatverlauf abspeichern, wie kann ich auch den oberen Chatverlauf abspeichern oder per e-mail zukommen lassen?
Moderator: das Chatprotokoll wird in den nächsten Tagen hier veröffentlicht.

Sabine: Welche Aufgaben haben Sie als Oberinspektorin? Schauen Sie den Schulen auch auf die Finger, wenn es um Integration von hg-Schülern geht oder beraten diese bei der Beschulung von behinderten Kindern?
Petra Blochius: Nein diese Tätigkeit hat damit nichts zu tun. Bin in der Lehrerverwaltung - stelle sie ein und schicke sie in den Ruhestand.

Moehre: Hallo Gast8198....normalerweise kommen Hörgeschädigtenpädagogen von den Hörgeschädigtenschule zur Betreuung...unbedingt in der HG-Schule melden....
buxtehude: aha, vielen dank!

Petra Blochius: Muss Schluss machen, sorry
Moderator: Vielen Dank an Petra Blochius für die Beantwortung der Fragen, Dank auch an die Frager für die rege und lebhafte Teilnahme. Das Chat-Protokoll steht in den nächsten Tagen an dieser Stelle zur Verfügung. Ich wünsche allen noch einen schönen Abend. Der Chat wird jetzt geschlossen.

 

 


 

Nach oben springen