Expertenchat Februar 2009
Am 25.02.2009 fand ein Chat statt mit
Klaus Dickerhof (Vizepräsident DSB e.V.) zum Thema "Tinnitus"
Klaus Dickerhof
- Gründer und Leiter des Referates Tinnitus und Hörschädigung im Bundesverband des DSB
- geb. 1967 in Bensheim
- seit 1991 für den DSB in Sachen Tinnitus und Hörschädigung in Ortsvereinen tätig
- Vorsitzender des Vereins für Tinnitusbetroffene und Hörgeschädigte Bergstraße e.V.
- Referatsleiter im Bundesverband seit 1995
- seit 2007 Vizepräsident des Deutschen Schwerhörigenbundes
Was ist Tinnitus ?
Tinnitus ist der medizinische Ausdruck für unangenehme oder sogar oft äußerst quälende Hörempfindungen, die meist nur der Betroffene selbst hören kann und die ihn häufig zur Verzweiflung treiben. Sie äußern sich als meist ständige Geräusche im Inneren des Kopfes.
Woher kommt er ?
Tinnitus ist keine Krankheit, sondern ein Krankheitssymptom. Viele Millionen Bundesbürger leiden an dem Tinnitus.
Die möglichen Ursachen muss man außer im Ohr oft auch geduldig woanders suchen. So sind z.B. nicht bewältigter Stress, einschneidende Lebenssituationen und psychische Probleme ein häufiger Auslöser. Eine weitere Hauptursache sind starke Lärmbelästigungen.
Mit einem Hörsturz oder Ohrgeräuschen, die Sie auf einmal bemerken und die über ein paar Stunden nicht vergehen, sollten Sie sofort zum HNO-Arzt oder in ein Krankenhaus mit einer HNO-Abteilung gehen. Ein plötzlicher Hörsturz, welcher sich durch eine plötzliche meist einseitige Hörverschlechterung, oft begleitet von einem Druckgefühl, bemerkbar macht, ist wie ein medizinischer Notfall zu behandeln.
Die besten Heilungschancen sind, wenn eben ein Innenohrschaden zugrunde liegt, in den ersten Tagen. Ganz besondere Eile ist in den Fällen geboten, in denen eine Innenohrschädigung auf Knall oder Lärm zurückzuführen ist.
Die Akutphase des Tinnitus, also die Phase in der mehr oder weniger große Heilungschance gesehen werden, wird von den Fachleuten auf einen Zeitraum von 3, 6 oder teilweise auch 12 Monaten eingestuft. Danach geht der Tinnitus in ein chronisches Stadium über.
Die Chance, dass sich die Ohrgeräusche innerhalb der Akutphase noch verschlechtern, ist vor allem dann recht groß, wenn der Patient durch vielfältige Therapiebemühungen in Stress gerät. Stressvermeidung ist die wichtigste Basistherapie im akuten und chronischen Stadium.
Die Fachleute sind sich darüber einig, dass der Betroffenen sofort aus dem Verkehr gezogen werden soll. Die Ruhigstellung hat wahrscheinlich einen größeren therapeutischen Effekt, als die obligate Infusionstherapie. In dieser Zeit sollte man versuchen sich etwas Gutes zu tun. Dabei kann das Wissen helfen, dass Ohrgeräusche nur selten eine gefährliche Ursache haben und auch in der Regel nicht zu Taubheit führen können. Spätestens im Anschluss an die Akutbehandlung, sollte eine fachübergreifende Ursachenforschung stattfinden.
Viele Tinnitusbetroffene stürzen sich - unter dem Eindruck ihrer vor allem Anfangs doch sehr quälenden Ohrgeräusche - in viele Therapiebemühungen. Sie geraten dadurch in einen für diese Situation äußerst ungesunden Stress.
Eine Klassifikation des Tinnitus kann von verschiedenen Merkmalen ausgehen, z.B. vom Klangcharakter und der Frequenzzusammensetzung des Tinnitus (hochfrequent, niederfrequent, geräuschartig), von der Intensität und dem Grad der Belästigung (stark, schwach, erträglich, unerträglich), von der Dauer und dem Verlauf (akut, chronisch), von der Lokalisation der Störung (Mittelohr, Cochlea, zentral).
Eine solche Einteilung ist nützlich, wenn damit Leitlinien für die Wahl der Therapie oder die Einschätzung der Prognose verbunden sind.
Chat-Protokoll
Moderator: Ich begrüße Klaus Dickerhof ganz herzlich und die Teilnehmer, die schon online sind. Bitte beachten Sie, dass dieser Chat moderiert wird. Ihre Beiträge werden also erst nach einem Check dem Experten zugeleitet. Bei hoher Beteiligung kann es etwas länger dauern bis Ihre Frage beantwortet wird. Ich wünsche einen regen Meinungsaustausch und nun kann es losgehen.
Babso: Gleich meine erste Frage, wie kommt es zu einer Tinnitus-Erkrankung?
Klaus Dickerhof: Stress, Lautstärke, Medikamente...
Babso: Gibt es bestimmte Medikamente, die man meiden sollte, wie Aspirin?
Klaus Dickerhof: ja, man weiß, dass Aspirin in hohen Dosen (>2g pro Tag) den Tinnitus begünstigen kann, ebenso Medikamente zur Malariaprofilaxe
dideldu: Ist ein Tinnitus irreversibel oder kann er auch wieder weggehen, wenn die Parameter, die ihn ausgelöst haben, beseitigt werden?
Klaus Dickerhof: es gibt auch noch eine Spontanremission nach einigen Monaten. Eher aber selten. Meist bleibt er in der chronifizierten Phase
Marga: Was ist Tinnitus, wie macht er sich bemerkbar?
Klaus Dickerhof: Tinnitus ist der medizinische Ausdruck für unangenehme oder sogar oft äußerst quälende Hörempfindungen, die meist nur der Betroffene selbst hören kann und die ihn häufig zur Verzweiflung treiben. Sie äußern sich als meist ständige Geräusche im Inneren des Kopfes.
Babso: Wenn Ohrgeräusche auftreten, muss es immer gleich Tinnitus sein?
Klaus Dickerhof: Nur ständige Geräusche definiert man als Tinnitus
Babso: Kennen Sie noch weitere Medikamente, die gefährlich sind für Tinnitus?
Klaus Dickerhof: Aspirin, Chinin, z.T. Narkotika
Marga: Gibt es unterschiedliche Schweregrade beim Tinnitus?
Klaus Dickerhof: Ja, man teilt ihn in 4 Grade ein
dideldu: Gibt es denn auch Tinnitus-Varianten, die von anderen Personen hörbar sind?
Klaus Dickerhof: ja, den sehr seltenen objektiven Tinnitus
Gast8913: Gast,Gruß aus Eisenach
Klaus Dickerhof: Gruß zurück
Gast3378: moin, moin.
Moderator: Hallo, 7 User online, nun mal los mit den Fragen...
Klaus Dickerhof: ich sehe derzeit das untere Fenster nicht mehr
Moderator: es wird geschwiegen im Moment
Klaus Dickerhof: Vielleicht noch ein Nachtrag zu den Schweregraden -
Grad 1: 35 bis 40% der Erwachsenen haben einen Tinnitus, der sie nicht beeinträchtigt. Grad 2: Die Ohrgeräusche wirken störend - vor allem in stressigen Situationen und bei zusätzlichen psychischen Belastungen. Zu dieser Gruppe gehören zwischen elf und 17% der Betroffenen. Grad 3: Der Tinnitus wird als so störend empfunden, dass er den privaten und beruflichen Alltag dauerhaft beeinträchtigt. Rund acht Prozent der Betroffenen machen sich ständig Sorgen über ihre Ohrgeräusche und berichten über weitere Probleme, die ihrer Meinung nach durch die lästigen Töne entstanden sind. Grad 4: Es gibt Menschen, die unter dem Tinnitus so stark leiden, dass es durch die Dauerbelastung zu nachhaltigen psychischen und körperlichen Beschwerden kommt. Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen, Schlafprobleme, verminderte Leistungsfähigkeit, Angst und Schmerzen können die Folge sein. Einige Menschen neigen zu Depressionen oder entwickeln sogar Suizidgedanken. Etwa 0,5 bis ein Prozent der Betroffenen haben einen Tinnitus vom Grad 3 und 4
dideldu: kann ein Tinnitus durch den Einsatz von Hörgeraten oder ähnlichem gelindert werden?
Klaus Dickerhof: wenn gleichzeitig ein Hörschaden vorliegt, ist das Hörgerät die erste Wahl
Gast3378: Gibt es natürliche Hilfe gegen Tinnitus?
Klaus Dickerhof: es kommt auf das Stadium drauf an (Chronisch/akut)
Gast8913: Wenn alle einen Mill. Lottogewinn hätten wäre der Tinnitus besiegt!!!!!!!!!!
Klaus Dickerhof: sicher?
Babso: Wann sollte ein HNO-Facharzt aufgesucht werden?
Klaus Dickerhof: bei den ersten Anzeichen
Gast3378: Kann Tinnitus komplett geheilt werden?
Klaus Dickerhof: Objektiv eher sehr selten. Subjektiv sehr wohl... durch das daran gewöhnen
dideldu: die Ohrgeräusche werden durch das Hörgerät nicht weiter verstärkt?
Klaus Dickerhof: in der Regel nicht. Wie gesagt, soweit ein Hörschaden mit einhergeht.
Susi: Mein 3jähriges Kind fast sich oft an die Ohren. Ist das ein Zeichen, dass etwas nicht stimmt?
Klaus Dickerhof: Das muss kein Tinnitus sein. Hat es Schmerzen, Mittelohrentzündung? Wie reagiert es auf akustische Reize? Waren sie schon mal beim HNO?
Susi: Nein bis jetzt war ich noch nicht mit ihm beim Arzt. Ich denke nicht, dass er Schmerzen hat, er weint ja nicht oft. Hören kann er uns auch ganz normal. Wäre es besser, trotzdem den Arzt zur reinen Kontrolle aufzusuchen?
Klaus Dickerhof: Schnellstmöglich bitte einen HNO aufsuchen. Zum Wohl des Kindes
Susi: Okay, danke schön für Ihre Antworten, werde dann mit meinem Kind doch mal zum Arzt gehen. Danke schön.
dideldu: Zum Stichwort Gewöhnung: das bedeutet dann also, dass das Gehirn das ständige Geräusch irgendwann ausfiltert?
Klaus Dickerhof: Das Gehirn schalten mit der Zeit von "langweiligen" Tönen weg. Aufmerksamkeitsverlagerung hilft hier sehr. Die Rehabilitation in einer Klinik auch.
Gast3378: Wirkt sich das "daran gewöhnen" nicht nachhaltig auf die Psyche aus und verstärkt das Symptom??
Klaus Dickerhof: nein, das sich darauf konzentrieren verstärkt das Symptom, das weghören nicht
Gast8913: Ablenkung, was schönes tun, nur nicht reinhören und darauf warten, damit leben können
Klaus Dickerhof: mal 5 gerade sein lassen
Marga: ein Pfeifen ab und zu, ist das schon Tinnitus?
Klaus Dickerhof: nicht unbedingt. Aber ein Warnzeichen vielleicht mal mehr auf sich zu achten
Gast3378: Wie sieht die Therapie in der Akutphase - wie Sie es nennen - aus?
Klaus Dickerhof: hier ist die Infusionstherapie die einzig schulmedizinische Methode
dideldu: Weiß man etwas über die Ursache des Tinnitus? Liegt ein körperlicher/mechanischer/physikalischer Defekt vor? Oder ist es vielmehr eine psychische oder nervliche Erkrankung?
Klaus Dickerhof: viel hilfreicher Text dazu - Hörzentrum im Gehirn: Meist liegt dem Tinnitus eine Störung im Ohr und/oder im weiteren Hörsystem zugrunde. Im chronischen Stadium und bei ganz seltenen Erkrankungen des Gehirns liegt die Ursache der Phantomgeräusche nicht im Innenohr, sondern im zentralen Hörsystem selbst. Übermäßiger Lärm, sehr laute Musik und knallende Geräusche direkt neben dem Ohr - wie durch einen platzenden Luftballon, beim Schießen oder bei einem Schlag aufs Ohr - sind bei der Hälfte der Betroffenen die Ursache. Hörsturz: Ein Tinnitus kann auch durch einen Hörsturz verursacht werden. Die Betroffenen empfinden den Hörsturz aber oft nicht als Hörverlust, da er meist nur wenige Hörfrequenzen betrifft und nicht sehr ausgeprägt ist. Sie bemerken dann oft nur den Tinnitus, einen Druck oder ein pelziges Gefühl im Ohr und ein Unwohlsein. Weitere Ursachen: Die störenden Geräusche können nach einem Autounfall auftreten, wenn das Innenohr durch den Aufprall des Kopfes beschädigt wird. Mögliche Ursachen sind auch eine Menière-Krankheit mit stundenlangen Drehschwindel-Anfällen oder ein gutartiger Tumor am Hörnerv. Medikamente: Einige Wirkstoffe haben Nebenwirkungen, die sich auch auf das Hörsystem auswirken und damit einen Tinnitus hervorrufen können - bestimmte Antibiotika, die nur noch bei einer Gehirnentzündung oder einer Tuberkulose verabreicht werden müssen, Diuretika, die die Nierenfunktion anregen und den Körper entwässern, Chemotherapeutika, Mittel gegen Malaria, Acetylsalicylsäure, aber nur in sehr hohen Dosierungen ab 2000 Milligramm. Stress: Psychischer oder körperlicher Stress löst keinen Tinnitus im Gehirn aus. 26 Prozent der Menschen mit chronischem Tinnitus berichten jedoch, dass sie viel Stress hatten oder haben. Die Ohrgeräusche sind demnach auch ein "innerer Seismograph" der aktuellen Befindlichkeit.
Marga: Was halten Sie von Akupunktur bei Tinnitus?
Klaus Dickerhof: Akupunktur ist ein ganzheitliches Verfahren und wirkt NICHT direkt auf den Tinnitus. Hier gibt es keine zuverlässigen Studien
Markus: Guten Tag. Meine Freundin hat z.Z. eine beidseitige Mittelohrenentzündung. Können Spätfolgen bleiben? Kennen Sie Fälle?
Klaus Dickerhof: Wenn die Mittelohrentzündungen nicht rechtzeitig behandelt werden (Antibiotikum) kann es zu Tinnitus und Hörschäden führen.
Marga: Kann der "Knopf im Ohr" mit dem manche Leute ständig herumlaufen Ursache für Tinnitus sein, werden?
Klaus Dickerhof: der "Knopf"? Sie meinen mp3?
Marga: genau
Klaus Dickerhof: sicherlich. Zu laute Musik und direkter Schalldruck aufs Ohr kann Hörschäden und Tinnitus verursachen.
dideldu: Ist die Veranlagung zu Tinnitus evtl. auch erblich bedingt?
Klaus Dickerhof: nein
Tomas: Werden die Kosten von den Krankenkassen übernommen, wenn Verdacht auf Tinnitus besteht?
Klaus Dickerhof: für die schulmedizinische Infusion ja, Für die Reha im chronischen Stadium, nach Antragstellung in der Regel
dideldu: Kann ein Tinnitus auch solche Ausmaße annehmen, dass das gesamte Hörvermögen beeinträchtigt wird? Oder ist Tinnitus "nur" als Hintergrundrauschen dokumentiert?
Klaus Dickerhof: das kommt darauf an, die Geräusche können verschieden laut sein, ja
Marga: sind Psychopharmaka evtl. eine - kurzfristige - Lösung?
Klaus Dickerhof: bei manchen Patienten, die sich nicht damit arrangieren können und Depressionen zusätzlich auftreten, kann dies eine kurzfristige Lösung sein. Dies muss der Arzt entscheiden.
Tomas: Wie lange würde eine Reha dauern?
Klaus Dickerhof: Es werden in der Regel erst mal drei Wochen genehmigt. Verlängerung kann dann möglich sein und vor Ort entschieden werden.
Gast3402: Kann der Tinnitus auch noch dann behandelt werden, wenn man ihn schon seit 23 Jahren hat?
Klaus Dickerhof: nur in der Form, dass man Hilfestellungen erhält, damit umgehen zu lernen. Das kann man durch geschultes Fachpersonal erreichen.
Marga: Kann man eine Reha überall machen oder gibt es spezielle Häuser?
Klaus Dickerhof: es gibt spezielle Häuser
22:59Marga: eo finde ich die, kennt mein HNO-Arzt die?
23:22Klaus Dickerhof: Ich möchte ihnen vorschlagen mich anzuschreiben. Ich suche geeignete Adressen für sie heraus, klaus.dickerhof@schwerhoerigen-netz.de
Tomas: Mich würde auch mal interessieren, ob Gehörlose auch den Tinnitus hören können?
Klaus Dickerhof: da er ein Phantomgeräusch ist, was im Hörkortex vorliegt, kann ich mir das gut vorstellen.
Tomas: Reha-Maßnahmen eher in HNO-Kliniken? Sind Sie eigentlich hörgeschädigt?
Klaus Dickerhof: ich habe rechts eine leichte Hörschädigung, ja
Gast8913: Tinnitus ist nicht heilbar, bei richtiger Einstellung dazu kann man aber damit leben
Klaus Dickerhof: so ist es
Marga: Gibt es Selbsthilfegruppen für Tinnitus, haben Sie davon schon gehört?
Klaus Dickerhof: ja und auch sehr gute. ich leite selbst ein davon
Fannie: Hallöchen, wenn ich aus einer Disco komme, habe ich oft solche Pfeiftöne im Ohr. Was sind das für Geräusche? Warum kommen sie?
Klaus Dickerhof: völlige Überbelastung des Gehörs. Damals ist meine Tinnitus danach nicht mehr weg gegangen. Was lernen wir daraus? Disco, Gehörschutz, aber bitte mitnehmen und ins Ohr stecken.
Marga: Kann Tinnitus in jedem Alter auftreten?
Klaus Dickerhof: ja, in jedem. In der Jugend eher durch Lautstärke, im Alter eher durch beruflichen Stress, Wechsel am Arbeitsplatz, Mobbing usw.
Marga: Wie stellt man das denn bei kleinen Kindern fest?
Klaus Dickerhof: Tinnitus oder Hörschädigung?
Marga: Tinnitus
Klaus Dickerhof: da er in der Regel subjektiv ist, eher nur durch Beschreibung des Kindes und ggf. beobachten des Verhaltens
Helga: Mein Sohn ist im Kindergartenalter und hat oft Schnupfen. Kann das auf die Ohren schlagen? Kann man davon auch Tinnitus bekommen
Klaus Dickerhof: von Schnupfen nicht. Sonst hätte jeder der mal Schnupfen hatte Tinnitus
Gast8913: Tablettenkonsum?
Klaus Dickerhof: ja, Aspirin mit mehrt als 2 Gramm pro tag. Alkohol verstärkt im Übrigen auch ganz gerne den Tinnitus. Meist aber temporär
Klaus Dickerhof: es ist heute ruhiger, als vor drei Jahren. Scheint am Aschermittwoch zu liegen... Katerstimmung?
Moderator: wahrscheinlich!!!
Gast8913: oder alle sind schon aufgeklärt
Klaus Dickerhof: ... das würde mich freuen. Dann geht man doch zum nächsten Arztbesuch gleich kritischer, oder?
Helga: Mein Vater leidet leider seit 3 Jahren an Tinnitus. Er meidet immer mehr seine Umwelt und kapselt sich ab. Wie kann ich ihn motivieren, wieder Kontakt zu Freunden aufzunehmen?
Klaus Dickerhof: er sollte seinen Hobbys weiter nachgehen, eine Beratung aufsuchen und nach einer Selbsthilfegruppe Umschau halten
Gast3402: Kann man Tinnitus nicht durch messen der Hirnströme feststellen? Als ich durch eine Krankheit schwerhörig geworden bin wurden mir ständig die Hirnströme gemessen. Da wurden dann immer sehr viele Kabel an meinem Kopf gesteckt. Aber vielleicht wurde da etwas anderes gemessen.
Klaus Dickerhof: nicht so direkt, nein. Das Hörzentrum im Gehirn steht in Wechselwirkung mit dem Innenohr. Nervenfasern, die vom Gehirn kommen, übermitteln Botschaften an spezielle Haarzellen im Innenohr und umgekehrt. Beim zentralen Tinnitus werden die von den Hörnerven übermittelten Informationen im Gehirn falsch verarbeitet. Dies führt dazu, dass das Gehirn einen nicht vorhandenen Ton oder ein nicht vorhandenes Geräusch produziert.
Luise: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Hörsturz und Tinnitus, verknüpft, bedingt?
Klaus Dickerhof: ja. Wenn man einen Hörsturz hatte, entsteht dadurch oft ein bleibender Tinnitus. Also: Ein Tinnitus kann auch durch einen Hörsturz verursacht werden! Die Betroffenen empfinden den Hörsturz aber oft nicht als Hörverlust, da er meist nur wenige Hörfrequenzen betrifft und nicht sehr ausgeprägt ist. Sie bemerken dann oft nur den Tinnitus, einen Druck oder ein pelziges Gefühl im Ohr und ein Unwohlsein.
Moderator: hallo, wir warten auf Fragen...
Klaus Dickerhof: Der DSB und die Deutsche Tinnitus-Liga haben in Deutschland wohl schon sehr viel Aufklärungsarbeit geleistet. Das ist gut.
Luise: wenn Tinnitus eine Frage des Gehirns ist, könnte doch theoretisch ein CI-Träger auch Tinnitus bekommen, oder?
Klaus Dickerhof: na klar, können sie auch.
dideldu: Ist der Tinnitus irgendwie zweifelsfrei nachweisbar? Gibt es dokumentierte Fälle, in denen Betroffene beispielsweise Schadensersatz erhalten haben, weil sie nachweisen konnten, dass der Tinnitus fremd verursacht ist?
Klaus Dickerhof: er ist durch das Audiogramm des HNO recht gut "messbar", da sie ihn selbst beurteilen. In der Regel werden die Sekundärsymptomatiken beurteilt. Diese sind Angstzustände, Depressionen, Schlafstörungen, usw.
Christian: Hall. Ich wurde als Kind und als Jugendlicher sehr häufig in der Schule gemobbt, man hat mich immer schlecht behandelt. Nun kam ich damit auch nicht zurecht und bekam mit 13 Jahren Tinnitus. Heute habe ich eine sehr stressige Arbeit, die mir zwar auch Spaß macht, allerdings habe ich auch oft laute Ohrengeräusche. Sollte ich mit meinem Chef darüber sprechen? Ich möchte nicht meinen Job deswegen verlieren?
Klaus Dickerhof: Was würde ihr Chef daran ändern können? ich gehe davon aus, dass sie sich mit den Jahren mit ihrem Tinnitus arrangiert haben?
Christian: Ja das schon, aber wenn ich sehr viel Stress habe, mit der Arbeit alles kein Ende nimmt, dann werden die Geräusche extrem laut. Damit komme ich nicht klar
Klaus Dickerhof: Gäbe es für Sie Alternativen? Sie sollten sich dann nach der Arbeit Zeit für sich zum Entspannen nehmen. Jeden Tag!
Gast8913: Klaus Dickerhof war in Eisenach, Vortrag über Tinnitus ist sehr gut angekommen und wurde auch in Disk ausgewertet. Nochmals vielen Dank!
Klaus Dickerhof: ... vielen Dank. Auf Einladung kommen wir natürlich auch gerne zu anderen Veranstaltern.
Luise: erreicht die warnende Aufklärung, die Jugendlichen, oder schieben die gerne weit weg?
Klaus Dickerhof: sie schieben sie gerne weg. Eben wie wir früher auch, oder? Leider merkt man die guten Ratschläge erst zu schätzen, wenn es zu spät ist. Aber, wie sie an mir sehen, kann man sich auch mit Tinnitus, und vielleicht auch gerade, wegen dem Tinnitus, sehr wohl fühlen.
Christian: Wie kann ich am besten entspannen? Ich denke ja manchmal sogar nachts an die Arbeit
Klaus Dickerhof: ich würde Ihnen sehr gerne mehr dazu schreiben, da dies ausführlicher wird. Dies kann vom Autogenen Training bis hin zur PMR alles ein. Schreiben sie mir. klaus.dickerhof@schwerhoerigen-netz.de
Gast8913: das kommt von der Konzentrations-Überlastung, kurzzeitig an was schönes denken und tun
Klaus Dickerhof: so ist es. Immer ablenken. Das kann man lernen. Oft durch professionelle Angebote oder eben mit einer Einstellung wie: Das Glas ist schon halb leer, oder besser das Glas ist ja noch halb voll.
Christian: Okay, werde ich demnächst tun
Klaus Dickerhof: das freut mich sehr
Moderator: noch zehn Minuten die Möglichkeit gaaanz viele Fragen zu stellen
Gast8913: an die schöne Sekretärin denken kann auch helfen!!!!
Klaus Dickerhof: ...wenn sie denn schön ist? Ist sie es denn?
Mano: Tachchen, meine Mutter hat auch Tinnitus, kann sie davon auch körperlich krank werden?
Klaus Dickerhof: klassisch körperlich eher nicht. Kollege Tinnitus schlägt eher auf die Psyche. Und das ist auch gut behandelbar
neuter1: ich bin leider erst jetzt zum Chat gekommen: gibt es auf europäischer Ebene Besaterbungen mehr oder überhaupt über Tinnitus aufzuklären?
Klaus Dickerhof: Besaterbungen?
Moderator: Bestrebungen?
neuter1: sorry, Bestrebungen
Klaus Dickerhof: ach so, sorry. Ich vertippe mich ja auch ständig. Klar, es gibt hier große Organisationen, die dies schon seit Jahren tun
Luise: z.B. welche?
Klaus Dickerhof: in jeden europäischen Land mindestens eine. In Deutschland z.B. der DSB und die DTL. Ich kann Ihnen die Adressen mal raussuchen, wenn sie mich anmailen
neuter1: ich meine keine Organisationen, sondern das Europäische Parlament z.B. selbst
Klaus Dickerhof: politisch? da sind wir auf dem Weg
Mano: Wenn ich ihr eine gute CD schenke mit ruhiger Musik, kann das helfen?
Klaus Dickerhof: sicherlich. Auch eine Art von guter Entspannung
Mano: Aber diese sollte man sich nicht mit Kopfhörern anhören oder?
Klaus Dickerhof: eben: Der Schalldruck ist hier zu hoch. Oder aber in angenehmer "Leise"
neuter1: bei den lauten MP3-Playern wird ja das europäische Parlament jetzt mit einer Initiative aktiv
Klaus Dickerhof: so ist es. In Frankreich ist man da schon vor Jahren viel weiter gewesen.
Gast8913: mit der Mutter mal Kartenspielen u. gewinnen lassen? Erfolgserlebnisse sind die beste Medizin
Klaus Dickerhof: um Gottes Willen, da wird sie noch überheblich....
Gast3402: weiter oben habe ich gelesen dass man den Tinnitus aus der Hörkurve erkennen kann. Stimmt das oder habe ich mich verlesen. Kann der Hörgeräteakustiker anhand der Hörkurve erkennen ob ich Tinnitus habe?
Klaus Dickerhof: in der Regel liegt in einem gewissen Bereich ein kaum merkbarer Hörschaden vor, dieser ist aufgrund der Senke im Audiogramm oft einsehbar
Mano: Das würde meine Mutter merken, wenn sie absichtlich gewinnt
Klaus Dickerhof: achso, na dann am besten im Wechsel. Mal Sie, mal sie
neuter1: was meinen Sie mit in Frankreich ist man schon viel weiter gewesen? haben die Franzosen sich in der Aufklärung oder Prävention verschlechtert?
Klaus Dickerhof: die haben zeitig eine Lautstärkebegrenzung in MP3 Player durchgesetzt.
neuter1: auf nationaler Ebene? staun
Klaus Dickerhof: ja, man kann die Dinger aber mittlerweile im ganzen Netz und weltweit einkaufen. das ist der Nachteil. Hier ist eben die Beratung und die Vernunft gefragt
Vonny: Gibt es Hörgeräte, bei denen ein angenehmer Ton speziell für Tinnitus zu hören ist, damit man damit klar kommt?
Klaus Dickerhof: Das Tinnitus Instrument
neuter1: das wird dann ja jetzt durch die europäische Initiative völlig aufgeweicht :-(
Klaus Dickerhof: jawohl
Vonny: Kann Antidepressiva helfen, die Geräusche zu verringern?
Klaus Dickerhof: nein, aber die Begleiterscheinung Depression
neuter1: Vernunft und Appelle funktionieren grundsätzlich nicht
Klaus Dickerhof: so ist es leider oft
Vonny: Das Tinnitus Instrument? Woher kann ich das bekommen?
Klaus Dickerhof: eine Kombination aus Masker/Noiser und Hörgerät. Mit HNO sprechen und Akustiker besuchen.
Moderator: Wenn es keine Fragen mehr gibt, schlage ich vor, den Chat zu beenden. Vielen Dank an Klaus Dickerhof für die Beantwortung der Fragen, Dank auch an die Frager für die rege und lebhafte Teilnahme. Das Chat-Protokoll steht in den nächsten Tagen an dieser Stelle zur Verfügung. Ich wünsche allen noch einen schönen Abend. Der Chat wird jetzt geschlossen.
Klaus Dickerhof: Herzlichen Dank für das rege Interesse.
Vonny: Hilft es auch, wenn ich schon Ewigkeiten Tinnitus habe? Zahlt das die KK?
Klaus Dickerhof: kommt darauf an
Vonny: Okay, danke schön
Klaus Dickerhof: bitte, bitte
neuter1: Frage an den Moderator: kann man diese Experten-Chats etwas früher im Web bewerben? das wäre ein Wunsch von mir!
Klaus Dickerhof: da ist Sache der Veranstalter, aber schreiben sie mich doch mal persönlich an
Moderator: wie viel früher? es ist in der Regel zwei bis drei Wochen vorher auf dieser Seite eine Ankündigung
neuter1: na ja, 4 Wochen vorher auf schwerhörigen-netz.de an prominenter Stelle wäre klasse
Klaus Dickerhof: das werden wir als Kritik mitnehmen.
neuter1: oder ein regelmäßiger Terminkalender?
Moderator: gibt es im SHNetz
neuter1: vielen Dank!
Klaus Dickerhof: Vorschlag. Schreiben sie den DSB mit den Fragen an. man leitet dort an die Fachleute weiter. Bei Tinnitus haben sie oben ja meine Kontaktdaten.
Moderator: einen schönen Abend noch. gerne im nächsten Monat wieder hier.
neuter1: ja Danke
Klaus Dickerhof: gerne, noch was Nettes: Kein Tag ist so leer, keine Stunde so grau, dass nicht ein Funke vorhanden, der die Leidenschaft des Lebens entfachen könnte. Also, allen Teilnehmenden noch einen schönen Abend
neuter1: ich finde, das Glas ist halb voll bringt es eher auf den Punkt
Klaus Dickerhof: na dann freut es mich, dass sie etwas mitnehmen konnten
neuter1: Danke, Ihnen auch noch einen schönen Abend
