Expertenchat Dezember 2008
Am 10.12.2008 fand ein Expertenchat statt mit
Prof. Dr. Manfred Hintermair
zum Thema:"In welcher Welt wollen wir Hörgeschädigte leben?"
Prof. Dr. phil. Manfred Hintermair, Diplompsychologe
- von 1981 bis 1994 Psychologe an der Bayerischen Landesschule für Gehörlose in München,
- seit 1994 Hochschullehrer für Psychologie und Diagnostik bei hörgeschädigten Menschen an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg.
- Arbeits- und Forschungsschwerpunkte:
Fragen der sozial-emotionalen Entwicklung und Identitätsentwicklung hörgeschädigter Menschen, familiäre Sozialisation im Kontext von Hörschädigung. - Zahlreiche Publikationen und Präsentationen zu psychologischen und diagnostischen Fragestellungen im Zusammenhang mit einer Hörschädigung.
- Aktuelle Publikationen:
Psychosoziales Wohlbefinden hörgeschädigter Menschen (2007); Ethik und Hörschädigung (Hrsg., 2006); Familie, kindliche Entwicklung und Hörschädigung (2005).
Pädagogische Hochschule Heidelberg
Institut für Sonderpädagogik
Keplerstraße 87
D-69120 Heidelberg
E-Mail: hintermair@ph-heidelberg.de
Chat-Protokoll
Moderator: Ich begrüße Prof. Dr. Hintermair ganz herzlich und die Teilnehmer, die schon online sind. Ich wünsche einen regen Meinungsaustausch und nun kann es losgehen.
Guilia: Guten Abend, Herr Hintermair!
Morgenstund: Guten Abend
Guilia: Weshalb gibt es immer Diskussionen zwischen Früh- und Spätschwerhörigen über die Frage, wer hat es einfacher im Leben?
Prof. Dr. Hintermair: Erst mal einen wunderschönen Abend allerseits. Ich bin gespannt, wie es wird. Auf Ihre Frage Guilia: Das liegt vielleicht daran, dass die Voraussetzungen der beiden Gruppen doch sehr unterschiedlich sind. Die einen wissen von früh an, was es bedeutet, schwerhörig zu sein, die anderen erleben einen Verlust (den Verlust des Hörens). Das sind doch sehr unterschiedliche Dinge. Im ganz normalen Alltag dann sind aber die Unterschiede nicht mehr so groß, wenn man auf gut Hörende trifft.
Mara: Woran liegt es, dass es so schwierig ist, den Hörenden einen Eindruck zu verschaffen, wie es ist, hörgeschädigt zu sein?
Prof. Dr. Hintermair: Tja Mara, warum ist das wohl so? Ich weiß es nicht ganz genau, es liegt vermutlich daran, dass man das schlechter Hören nur schlecht gut Hörenden vermitteln kann. Und selbst wenn gut Hörende glauben es verstanden zu haben, dann haben sie es oft am nächsten Tag schon wieder vergessen. Leider!
Gast521: Guten Abend aus Eisenach
Zanetti: Guten Abend an alle Chatter!
Guilia: Identität ist ein großes Thema in der Hörgeschädigtenpädagogik - worauf beruht dieses?
Prof. Dr. Hintermair: Guilia, Identität ist ein wichtiges Thema für alle Menschen, weil Identität das ist, was uns ausmacht, was uns ganz besonders macht. Und wenn Menschen unter etwas schwierigeren Bedingungen das Leben antreten müssen (also z.B. wegen irgendeiner Behinderung etc.), dann ist das natürlich eine besonders wichtige Frage, wie es gelingen kann, mit dieser Problematik trotzdem ein glückliches und zufriedenes Leben zu führen.
Gast521: Warum geht's nicht weiter?
Moderator: Es geht schon weiter, nur Geduld
Morgenstund: Sie arbeiten in der Hörgeschädigtenpädagogik. Was hat Sie denn dazu inspiriert? Wie sind Sie auf diesen Beruf gekommen?
Prof. Dr. Hintermair: Das war eher ein Zufall. Ich bin von Beruf Psychologe, habe im Studium nie etwas über Behinderung gehört. Ich habe dann nach dem Studium ein Jahr mit spastisch gelähmten Kindern gearbeitet, das hat mir Spaß gemacht. Dann bin ich nochmals zur Uni und danach habe ich eine Stelle gesucht und bin durch Zufall (wirklich!) als Psychologe an die Gehörlosenschule in München gekommen. Und da bin ich dann bei den Hörgeschädigten "hängen geblieben" Gott sei Dank!
Lisbeth: Guten Abend an Prof. Dr. Hintermair und all anderen Chatter!
Svea: Guten Abend
Morgenstund: Weshalb ist die Gruppe der Hörgeschädigten so heterogen - einerseits am Hörstatus und andererseits am Modus der Kommunikation?
Prof. Dr. Hintermair: Hallo Morgenstund, die Heterogenität hat viele Gründe: Grad der Hörschädigung, Beginn der Hörschädigung, Ursache der Hörschädigung. Hörstatus der Eltern, unterschiedliche kognitive Voraussetzungen, unterschiedliche Beschulungsformen - das ist dann schon eine ganze Menge, die zur Vielfalt beiträgt!
Chiara: Ich würde mich über eine Antwort freuen
Moderator: Kommt gewiss, dauert nur etwas, Prof. Hintermair antwortet sehr ausführlich.
Juli: Guten Abend Prof. Dr. Hintermair!
Harald: In der Literatur war es ersichtlich, dass der Trend steigt, dass Schwerhörige sich immer mehr kulturell als Gehörlose bezeichnen, wie sehen sie das?
Prof. Dr. Hintermair: Das mag daran liegen, dass Gehörlosigkeit im Vergleich zu früher in den letzten Jahren in der Gesellschaft attraktiver geworden ist und deshalb eine Reihe von Schwerhörigen keine Angst mehr haben, sich zu "outen", also z.B. auch bei Gehörlosen sich wohl fühlen zu können
Free-Man: Hallo und guten Abend aus dem kalten Winter.
Gast6225: guten Abend aus NRW. Zum Thema: barrierefreies Hören habe ich andere Vorstellungen als die Politiker
Prof. Dr. Hintermair: was für welche haben Sie denn??
Zanetti: Sie sind derzeit als Professor an der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg tätig und haben verschiedene Publikationen gemacht bzw. arbeiten Sie aktiv zum Thema Schwerhörigkeit. Macht Ihnen die Arbeit Spaß?
Prof. Dr. Hintermair: Ja, die Arbeit macht natürlich Spaß, vor allem die Forschungsarbeit. Derzeit haben wir unter anderem Projekte laufen, in denen wir einen Fragebogen zur Partizipation (Teilhabe) von integriert beschulten schwerhörigen Kindern erproben. Wir sind schon gespannt auf die Ergebnisse!
Chiara: Hallo! Welche Rolle spielt die Audiotherapie für Hörgeschädigte?
Prof. Dr. Hintermair: ich denke, sie ist ein wichtiges zusätzliches Angebot für schwerhörige Menschen, um sich mit ihrer Situation auseinanderzusetzen, und das nicht nur technisch, sondern eher ganzheitlich unter Berücksichtigung auch der psychosozialen Auswirkungen einer Hörschädigung.
minispeedy: Guten Abend
Morgenstund: Welche Wünsche haben Hörgeschädigte Ihnen gegenüber geäußert, wenn sie eine Welt schaffen wollen, in der sie leben möchten?
Prof. Dr. Hintermair: konkrete Wünsche haben sie nicht an mich geäußert, aber ich persönlich denke, dass es wichtig ist, eine Welt zu haben, in der es möglich ist, dass jeder Mensch mit seinen Möglichkeiten die Chance hat, sein ganz eigenes Leben zu führen. Daher brauchen wir auch Vielfalt in den Förderangeboten, damit möglichst jeder das findet, was er braucht.
Moderator: wir haben z.Zt. 15 Teilnehmer am Chat mit vielen, vielen Fragen
Zanetti: Zum Thema Coda - Was bedeutet Coda? Haben Sie auch Erfahrungen mit diesem Kreis von Betroffenen?
Prof. Dr. Hintermair: CODA ist die englische Abkürzung für "Child of Deaf Adults", also hörende Kinder mit gehörlosen Eltern. Ich habe bislang noch keine intensiven Erfahrungen mit dieser Gruppe gemacht, es gibt aber einige Literatur und auch Videos, so viel ich weiß, zu diesem Thema (hab ich jetzt aber nicht im Kopf)
Gast6225: Wenn ich etwas dringend brauche, zum Beispiel eine FM-Anlage für einen Vortrag in einer normal hörenden Veranstaltung, dann wird der Antrag auf Kostenübername bei der KK abgelehnt
Prof. Dr. Hintermair: mit diesen konkreten Umsetzungsproblemen kenne ich mich - ehrlich gesagt - nicht besonders gut aus, weil ich damit in meiner unmittelbaren Arbeit an der Uni kaum zu tun habe. Ich könnte mir aber vorstellen, dass einer der schwerhörigen Chat-Teilnehmer hier eine Idee für Sie hat??
Chiara: Jede Schwerhörigkeit ist anders. Das hat doch auch mit Identität zu tun?
Prof. Dr. Hintermair: Chiara, jeder Mensch ist anders, egal jetzt ob hörend oder schwerhörig, entsprechend muss jeder (schwerhörige) Mensch auf die Suche nach "seiner" Identität gehen. Er wird dabei vermutlich die Erfahrung machen, dass Identität sich auch verändern kann durch verschiedene Einflüsse des Lebens.
Lisbeth: Gibt es eine Art Utopie der Hörgeschädigten und wie sieht deren Utopia aus?
Prof. Dr. Hintermair: Lisbeth, ich kenne verschiedene Utopien, die Hörgeschädigte haben, nicht nur eine. Wahrscheinlich brauchen wir auch verschiedene Utopien, um glücklich zu werden auf dieser Welt. Stellen Sie sich vor, Sie müssten mit meiner Utopie zu Recht kommen (und Sie haben vielleicht ganz andere Vorstellungen als ich)
Lisbeth: Tun sich Schwerhörige manchmal schwer, zwischen den Welten zu stehen? Einerseits bekommen sie nicht alles mit und andererseits werden sie als Hörende subsumiert? Haben sie keine Heimat?
Prof. Dr. Hintermair: gleich nochmals Lisbeth ;-) Das Problem, zwischen den Stühlen zu sitzen, ist in der Tat ein "schwerhörigenspezifisches Problem". Da haben es Gehörlose oft leichter, weil sie sich der Gehörlosenkultur und Gebärdensprachgemeinschaft zuordnen können. Es ist die besondere Identitätsaufgabe von Schwerhörigen, hierfür eine individuelle Lösung zu finden.
Svea: Was bedeutet Heterogenität?
Prof. Dr. Hintermair: Heterogenität bedeutet, dass eine Gruppe von Menschen (z.B. Schwerhörige) sehr unterschiedliche Merkmale aufweisen kann (einer ist von Geburt an schwerhörig, der andere mit 4 Jahren, der nächste erst mit 21), der eine hat hörende Eltern, der andere hat gehörlose oder schwerhörige, usw. ...
Morgenstund: Wie gehen Sie mit der Problematik der technikversierten Welt der Mediziner und der soziologischen Sichtweise der Gebärdenpädagogen um? Ist es nicht schwierig, manchmal zwischen den Fronten zu stehen?
Prof. Dr. Hintermair: Tja Morgenstund, das ist in der Tat nicht immer leicht. Das Schwierige daran ist, dass Lösungen für das individuelle Leben von Menschen nie ganz einfach und sonnenklare sind. Eine Reihe von Medizinern (nicht alle!) sehen die Technik und ihre Möglichkeiten, die Gebärdensprachpädagogen (auch nicht alle!) die Gebärdensprache als Lösungsmöglichkeit... und im wirklichen Leben gibt es halt dann immer wieder Menschen, wo das eine und/oder das andere nicht so richtig passt.
Lisbeth: Worin liegen die psychosomatischen Ursachen bedingt, die viele Hörgeschädigte im Laufe ihres Lebens erleiden?
Prof. Dr. Hintermair: Lisbeth, das ist eine Frage für ein Seminar an der Uni. Die psychosomatischen Beschwerden, die viele Schwerhörige erfahren, hängen aber zu einem großen Teil an der Verarbeitung der Schwerhörigkeit. Diese Verarbeitung ist nicht immer leicht und oft bekommen die Menschen da auch nicht die richtige Unterstützung und Hilfe. Wie gut, dass es Einrichtungen wie Rendsburg, Bad Grönenbach, Bad Berleburg oder Bad Nauheim gibt, wo es gute professionell Hilfe gibt.
Nucci: Und St. Wendel!
Viola: Wird das nicht alles ein bisschen übertrieben mit der Heterogenität. Die Menschen sind doch alle verschieden. Warum sollen die Hörgeschädigten gleich sein?
Prof. Dr. Hintermair: das ist richtig! Aber es scheint mir trotzdem sehr wichtig zu sein, weil, wenn das vergessen wird, die Gefahr sehr groß ist, dass alle "über einen Kamm geschoren" werden - und genau das brauchen wir nicht, sondern wir brauchen Lösungen, bei der die Vielfalt Berücksichtigung findet.
Juli: Brauchen Schwerhörige eine Zusammenkunft, so sie unter sich sein können - ähnlich wie bei den Gehörlosen?
Prof. Dr. Hintermair: auf jeden Fall braucht es die Möglichkeit dazu, dass Schwerhörige sich untereinander austauschen können. Es ist dann die Entscheidung jedes Einzelnen, ob er solche Angebote wahrnimmt. Wir brauchen sie aber auf jeden Fall, damit gewählt werden kann!
Free-Man: Gibt es ein positives Stigma über hörgeschädigte Menschen?
Prof. Dr. Hintermair: wenn Sie in der hörenden Gesellschaft herumfragen, dann werden Sie vermutlich eher wenige bis keine finden (weil natürlich für einen gut Hörenden Hörschädigung mit Ängsten besetzt ist). Aber bei den Gehörlosen ist z.B. in den letzten Jahren die Gebärdensprache zu einem positiven Stigma geworden, ebenso wie die damit verbundene Gehörlosenkultur. Das scheint mit bei den Schwerhörigen nicht ganz so leicht zu sein!?
minispeedy: an Mod: werden meine Fragen noch beantwortet?
Moderator: doch, davon gehe ich aus.
Juli: Womit sehen sich Eltern, die meist hörend sind, konfrontiert, wenn sie erfahren, ihr Kind ist hörgeschädigt? Welchen Ratschlag würden sie den Eltern mitgeben?
Prof. Dr. Hintermair: Da hat sich bzw. wird sich einiges ändern durch das Neugeborenen-Hör-Screening in den nächsten Jahren. Früher wurden ja vor allem schwerhörige Kinder sehr spät diagnostiziert. Das war in der Regel ein Schock für die Eltern. Heute würde ich den Eltern von früh erfassten schwerhörigen Kindern vor allem raten, sich ihrem Kind gegenüber liebevoll, warmherzig, offen und kommunikativ zu äußern, sich gleichzeitig umfassend zu informieren, was es alles so gibt auf dem Markt der Möglichkeiten und ich wünsche ihnen, dass sie eine gute Frühförderstelle finden, die sie unterstützt bei ihrem Prozess des Suchens.
Juli: Worin sehen Sie Stärke der Selbsthilfe? Gerade unter Hörgeschädigten gibt es so viele Selbsthilfeverbände?
Prof. Dr. Hintermair: Es gibt eine umfangreiche Forschung zur Bedeutung von sozialen Netzwerken und ihrer Bedeutung für die Erhaltung und Gewinnung psychischer Gesundheit. Selbsthilfegruppen sind eine ganz wichtige Quelle, aus der positive Energien für die eigene Lebensbewältigung geschöpft werden können (natürlich gibt es auch negative Einflüsse, aber die positiven überwiegen sicherlich)
Moderator: Wir haben jetzt noch 15 min. und noch ca. 20 unbeantwortete Fragen, bitte erstmal keine weiteren Fragen mehr.
Juli: Gibt es unter Schwerhörigen eine Wahrnehmung für Diskriminierung? Wissen Sie, was dieser Begriff bedeutet?
Prof. Dr. Hintermair: ja, eine ganze Menge! Es gibt sehr viele schwerhörige und gehörlose Menschen, die super positiv im Leben stehen! Und das ist gut so!
Free-Man: Welche Wünsche haben Schwerhörige im Bezug auf die Schule? Geht man lieber auf Internate?
Prof. Dr. Hintermair: die Rolle der Internate hat sich stark verändert, vor allem durch die Integrations-/Inklusonsbewegung der letzten Jahrzehnte. Fragt man Gehörlose, dann erzählen sie oft, dass sie im Kontakt mit Gleichaltrigen im Internat sehr viel mehr Kommunikationsmöglichkeiten erlebt haben als das z.B. zu Hause möglich war. Aber die Zeiten haben sich geändert.
Free-Man: Es gibt ja eine sogenannte Gehörlosenkultur. Kann man auch sagen, dass es eine Schwerhörigenkultur gibt?
Prof. Dr. Hintermair: Für eine Kultur braucht es immer eine Sprache und die Gehörlosenkultur bestimmt sich zentral über die Gebärdensprache. Die Frage würde ich eigentlich eher an die Schwerhörigen zurückgeben wollen und deren Meinung dazu hören!
minispeedy: Gute Frage mit der Schwerhörigenkultur. Sicher gibt es die. Nämlich die lautsprachliche Gebärdensprache, also ich mein LBG. Würde ich mal so sagen.
Chiara: wo finde ich einen Audiotherapeuten?
Prof. Dr. Hintermair: Ich schlage vor, sich an den DSB oder an Dr. Roland Zeh von der Klinik am Kaiserberg in Bad Bauheim zu wenden, der diesen Ausbildungsgang organisiert. Die wissen da bestimmt was Genaueres als ich.
Gast3629: Wieso verwenden viele Schwerhörige nicht die Gebärdensprache, dies wäre doch viel einfacher zur Kommunikation untereinander, insbesondere an geräuschvollen Umgebungen.
Prof. Dr. Hintermair: das ist sicherlich so, kann ich nur empfehlen, sich das anzueignen, dann hat man eine kommunikative Möglichkeit mehr.
Gast521: zu viel Theorie, bitte mehr Praxis und Basisarbeit, hat der Herr Prof. schon einen 70järigen davon überzeugt, ein Hörgerät zu tragen?
Prof. Dr. Hintermair: Lieber Gast 521, dann suchen Sie sich für den nächsten Chat eine Person aus der Praxis/Basisarbeit, die Ihnen da etwas besser helfen kann als ich. Dass man 70jährige eher schwer davon überzeugen kann, ein Hörgerät zu tragen, glaube ich, es geht aber auch, wie ein Fall aus meiner eigenen Familie kürzlich gezeigt hat. Es hängt - wie immer - von den einzelnen Menschen ab!
Free-Man: wie stark ist das Thema "Barrierefreiheit" unter Schwerhörigen verbreitet?
Prof. Dr. Hintermair: weiß ich nicht.
Moderator: der Chat endet in Kürze, bitte keinen weiteren Fragen, leider.
Free-Man: Ist eine Welt ohne Barrieren eine Vision, die Utopia bleiben wird oder kommt man dieser Welt immer näher?
Prof. Dr. Hintermair: wenn Sie sich die Tagesnachrichten anschauen, dann stellen Sie fest, dass die ganze Welt voller Barrieren ist und es die Aufgabe der Gesellschaft(en) ist, daran zu arbeiten, dass die Barrieren weniger werden. Es ist in der Tat ein Ziel, das wir aber nicht aus den Augen verlieren dürfen.
minispeedy: Ich bin schwerhörig und kenne beide Welten. Doch wo gehört man hin? Spielen hier die Lebensumstände eine große Rolle? Z.B. dass man als Hörgeschädigte mehr mit Gehörlosen zusammen war und dementsprechend mehr zu den Gehörlosen gehört.
Prof. Dr. Hintermair: die eigene Biografie, also das eigene bisherige Leben, spielt hier in der Tat eine zentrale Rolle.
minispeedy: Dann verabschiede ich schön brav und finde es schade, dass meine Fragen aufgrund der vielen anderen Fragen nicht beantwortet wurden. Ich bin nicht traurig drum - einen guten Abend.
Viola: Meine Frage ist ja nicht beantwortet worden. Ich frag daher noch einmal: Wird es nicht übertrieben mit der Heterogenität, mit dem fehlenden positiven Stigma usw. Unterschiede bei den Menschen gibt es doch überall. Könnten die Unis nicht mal das Positive hervorheben und damit neue Zeichen setzen?
Prof. Dr. Hintermair: Viola, ich dachte, ich hätte was dazu gesagt, aber ich bin hier im Dauerstress ;-), da kann schon mal was durch die Lappen gehen. Meine Aufgabe an der Uni sehe ich u.a. darin, Hörschädigung als positive Herausforderung zu sehen und zu begreifen und nicht immer nur darüber zu diskutieren, was das Leben schwierig macht etc.
Moderator: Das Protokoll wird in den nächsten Tagen hier veröffentlicht, da findet sich dann sicher noch die ein oder andere Antwort.
Melten: Werden Hörgeschädigte stigmatisiert oder ist das Stigmata bereits vorhanden?
Prof. Dr. Hintermair: Die Hörschädigung als Merkmal ist die Voraussetzung, dass Stigmatisierungsprozesse in Gang kommen können. Ob sie in Gang kommen, das hängt entscheidend von der Gesellschaft und den Menschen in dieser Gesellschaft ab, also welche Bedeutung sie dem Merkmal Schwerhörigkeit zuschreiben.
minispeedy: Und wie soll man die Gebärdensprache anwenden, wenn man mit nur Guthörenden zusammen ist? Die können leider keine Gebärdensprache. Mit Gehörlosen und Schwerhörige ist das ja kein Problem.
Prof. Dr. Hintermair: Wenn mehr Hörende Gebärdensprache könnten, würde sich auch das etwas verändern. In den USA z.B. ist Gebärdensprache als Fremdsprache sehr beliebt und wird in den Schulen sehr häufig gewählt. Die USA haben aber auch eine insgesamt anderen Einstellung zur "Andersartigkeit" als wir das in Deutschland haben. Aber wir arbeiten ja daran :-)
Moderator: Vielen Dank an Prof. Hintermair für die Beantwortung der Fragen, Dank auch an die Frager für die rege und lebhafte Teilnahme. Das Chat-Protokoll steht in den nächsten Tagen an dieser Stelle zur Verfügung. Ich wünsche allen noch einen schönen Abend. Der Chat wird jetzt geschlossen.
Prof. Dr. Hintermair: auf Wiedersehen, frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr 2009.
