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Expertenchat im August

Am 06.08.2008 fand ein Chat  statt mit Michael Krauth

zum Thema "Barrierefreies Kino"

 

Michael H. Krauth


DTS Consultant
c/o Studio Babelsberg Postproduction GmbH, Haus 4
August-Bebel-Straße 26-53
14482 Potsdam

Mitglied IDK - Initiative Dein Kino
Mitglied VDT - Verband Deutscher Tonmeister
Mitglied FKTG - Fernseh- und Kinotechnische Gesellschaft e.V.

Geboren in Berlin/Wannsee, verheiratet, 2 Kinder

 

  • Seit 2007 Gründungsmitglied der IDK - INITIATIVE DEIN KINO

    Initiative Dein Kino (IDK) ist eine Arbeitsgruppe, die sich darauf konzentriert, Hör- und/oder Sehbehinderten Menschen in ganz Deutschland die Teilnahme am Kinoerlebnis zu ermöglichen. Sie wurde von in diesem Bereich aktiven Kinoveranstaltern, Filmverleihern und Serviceprovidern in Deutschland gegründet und hat es sich zum Ziel gesetzt, das Netz der für alle zugänglichen Kinos auszubauen und die Zahl der Filme zu erhöhen, die in Deutschland mit Untertitel und Audio-Deskription (Hörfilme) herausgeben werden - www.deinkino.de

  • Seit 2004
    Consultant für DTS Digital Cinema (ehemals Digital Theater Systems).Verantwortlich für das Filmlizenzgeschäft, Filmservice, DTS ACCESS, D-Cinema Content Services und Geschäftsentwicklung in Deutschland, Österreich und Schweiz.

    DTS Digital ist seit 14 Jahren bekannt als führendes digitales Tonsystem in den Kinos und auf DVDs. Heute offeriert DTS Digital Cinema führende Technologien und Dienstleistungen rund um das Kinoerlebnis - www.dtsdcinema.com DTS trat 2000 der britischen Disability Working Group (DWG) bei, der in Vorbereitung zum Disability Discrimination Act (Gleichstellungsgesetz) durch die britische Regierung gebildeten Behindertenarbeitsgruppe. Nach Feldversuchen und Pilotprojekten sind neben anderen Anbietern in Großbritannien heute mehr als 200 Kinos mit DTS ACCESS Systemen für die Wiedergabe von Untertiteln und Audiodeskriptionen ausgestattet. Nahezu alle Hollywood Filme werden heute selbstverständlich mit Untertitel und/oder Audiodeskriptionen in den britischen Kinos gespielt - www.yourlocalcinema.com

  • 1996-2004 Cheftonmeister und Leiter Tonabteilung Hermes Synchron GmbH in Studio Babelsberg Studiobetrieb und Filmsynchronisationen

  • 1986-1995 Ausbildung zum Mischtonmeister in Film und Fernsehen bei TTV Gesellschaft für Tontechnik in Film und Fernsehen mbHStudiobetrieb & Dienstleister für Musik-, Postproduktion und Filmsynchronisation

  • 1985 Berliner Union-Film GmbH & Co Studio KG Kamera Abteilung

  • 1984 Abitur


 


Chat-Protokoll

Moderator: Ich begrüße den Experten, Herrn Michael Krauth, ganz herzlich und die Teilnehmer, die schon online sind. Ich wünsche einen regen Meinungsaustausch und nun kann es losgehen.

Bobby: hallo und schönen Abend. Haben Sie schon Kontakt mit hörgeschädigten Menschen gehabt?
Michael Krauth: Guten Abend, ja schon allein durch die Zusammenarbeit mit den Verbänden.

Andrea: Hallo und guten Abend.

Andrea: Was ist die Initiative Dein Kino?
Michael Krauth: Ein Zusammenschluss von Dienstleistern der Filmbranche und Verleihern.

Bobby: was kann die Initiative bewirken?
Michael Krauth: Die Initiative erhofft sich das Kinoerlebnis für alle Seh- und Hörgeschädigten Menschen zugänglich zu machen, die Technologien stehen schon lange bereit, es gilt nun die Betroffenen, die Filmverleiher und Kinobetreiber zusammenzuführen.

Bobby: was ist daran so kompliziert, dass erst die DVD untertitelt werden, kann das nicht vorher geschehen, wenn der Film in die Kinos kommt?
Michael Krauth: Für Filmverleih und Kinobetreiber sind Seh- und Hörgeschädigte eine absolut neue Zuschauergruppe, hier müssen Berührungsängste und auch die Nachfrage dargestellt werden.

Andrea: Ist die Initiative Dein Kino bei der Demonstration in Köln dabei?
Michael Krauth: Bisher noch nicht.

Bobby: gibt es auch Übertragungsanlagen für hörgeschädigte Kino-Nutzer, die nicht unbedingt Untertitel brauchen?
Michael Krauth: Ja, es gibt bereits Systeme von WilliamSound und Sennheiser, von Infrarot bis UHF, einschl. Induktion.

Andrea: Ist Ihr Interesse an dem Problem auch persönlich motiviert? Freunde, Bekannte?
Michael Krauth: Der Anstoß kam zuerst aus unseren Erfahrungen in England, wo dieses Angebot bereits selbstverständlich ist - http://www.yourlocalcinema.com

Deaf1000: huhu schönen Abend

Bobby: was hat die Initiative dein Kino mit dem Deutschen Schwerhörigenbund zu tun?
Michael Krauth: Wir brauchen immer Experten-Beratung und möchten auf die "neuen" Möglichkeiten aufmerksam machen.

Andrea: ich finde, es gibt sehr wenig Kinos mit Untertitelangebot, vor allem, wenn man nicht in Hamburg oder Berlin wohnt!
Michael Krauth: Das ist das Problem! Wir müssen in erster Linie die Nachfrage gegenüber den Verleihern darstellen, dazu muss man die Betroffenen gezielt umwerben. Die ersten 31 Kinos sind bereits enthusiastisch dabei - mehr unter http://www.deinkino.de

Bobby: ist die Vision ein Kino für alle Sinnesbehinderungen eine Utopie oder gibt es schon technische Lösungen?
Michael Krauth: Untertitel und Audiodeskription sind seit 2002 Selbstverständlichkeit in England. Nahezu alle Hollywoodfilme werden dort entsprechend gespielt.

H2OPolo: hallo Michael, ist es schwierig um einen UT für Kino (aktuelle Filme) zu erstellen und warum?
Michael Krauth: Wie für DVD und TV überhaupt kein Problem! Technisch sogar in Farbe, Kursiv, etc...

Deaf1000: ich wollte mal fragen, wie es dazu kam, dass Sie sich für dieses Thema interessierten?
Michael Krauth: DTS wurde durch die Firma Titelbild (Untertitelungsfirma) angesprochen und ich habe mich schnell eingearbeitet und mit den vielen Events stieg auch mein persönliches Engagement für die Sache.

Andrea: Ich glaube, Schwerhörige sind in den letzten Jahrzehnten Kino abstinent geworden, da muss einiges geboten werden, um sie wieder anzulocken, vielleicht fahren sie dann auch ein paar Kilometer.
Michael Krauth: Ohne entsprechende Filme keine Technik im Kino und umgekehrt. DTS hat zusammen mit Sennheiser und der IDK den ersten Schritt gemacht und als Pilotprojekt 31 Kinos ausgestattet, nun ist es an den Verleihern, Filme herzustellen und es gilt die Betroffenen zu begeistern, um eine entsprechende Nachfrage sichtbar zu machen.

Deaf1000: Was kann ich als Betroffener tun, damit mein Kino, welches nicht zu den 31 Städten gehört, in der Stadt auch untertitelt wird?
Michael Krauth: Jede Nachfrage bei den Kinos und dem Verleih hilft.

Andrea: Sind Untertitel in England billiger oder warum klappt das da so gut?
Michael Krauth: Ausschlaggebend war dort das Gleichstellungsgesetz von 2000 und die Einrichtung einer Arbeitsgruppe DWG.

Marca: Seit ich ertaubt bin, war ich nicht mehr im Kino. Können sie mir erklären, wie die Untertitel da funktionieren. Sieht die UT das ganze Publikum oder kann man die zuschalten wie beim Fernsehen?
Michael Krauth: Die Idee ist u.a. mindestens einen Kinotag in der Woche mit Untertiteln einzuführen, aber beispielsweise bei DEUTSCHLAND EIN SOMMERMÄRCHEN haben die UT keinen Besucher gestört!

Deaf1000: Haben Sie schon mal einen Film ohne Ton, nur mit UT geschaut?
Michael Krauth: Ja, im Rahmen unsere Abnahme müssen UT und Audiodeskription separat geprüft werden.

pcfreak: hallöchen

Deaf1000: Sind Untertitel so teuer? oder warum kommt dies nicht voran in Deutschland?
Michael Krauth: Die Kosten für UT und AD fallen für den Verleih nicht ins Gewicht, doch entscheidend bleibt die Nachfrage.

H2OPolo: es ist leider bei allen kinos nur auf bestimmte zeit, wo wir uns die ut schauen können. was ist der grund dafür
Michael Krauth: Die teilnehmenden Kinos wollen langfristig die "neuen" Besucher umwerben und die IDK will hier die Etablierung begleiten.

Andrea: brauchen die Kinos eine spezielle technische Ausstattung, habe ich das richtig verstanden? Das können sich kleinere doch gar nicht leisten...
Michael Krauth: Es gibt verschiedene Systeme von Dolby Screentalk und Beamtitling, im Rahmen der Initiative wird DTS eingesetzt, hier benötigt im Idealfall das Kino zur vorhanden Anlage nur noch den Untertitelprojektor oder das Kopfhörer- und Indiktionssystem, generell könnte jedes so ausgestattete Kino für jeden Film den verstärkten Ton über Kopfhörer oder Induktion spielen - einfach danach fragen.

Marca: Ich hab verstanden, dass die UT jeder sieht, der in dem Film sitzt. Das stört nicht unbedingt. Aber wie viele Leute kommen denn, die die UT wirklich brauchen? Müsste man da nicht mehr Werbung machen? Könnte man so was nicht z.B. mal groß in die Tageszeitung bringen, an welchen Tagen die Filme mit UT laufen? So was hab ich noch nie in der Zeitung gelesen.
Michael Krauth: Die Öffentlichkeitsarbeit gehört mit zu Aufgaben der IDK, wir arbeiten daran.

Deaf1000: Haben Sie Schwerhörige Freunde?
Michael Krauth: Bisher noch nicht...

Deaf1000: Sie sind Ton-Techniker... können Sie sich vorstellen, wie es ist, nur bis 2000 Hertz zu hören?
Michael Krauth: So etwas kann man simulieren, aber Alltag wird das damit nicht...

pcfreak: kennen Sie die Filme Jenseits der Stille oder Gottes vergessene Kinder?
Michael Krauth: Ich kenne beide.

Deaf1000: Kennen Sie die Sendung Sehen statt Hören? Dort wird auch alles untertitelt.
8Michael Krauth: Ich sehe die Sendung ab und zu...

pcfreak: wissen Sie, wer Marlee Matlin ist???
Michael Krauth: Eine großartige Schauspielerin!

Andrea: Haben Sie Soll-Vorstellungen, was bis wann erreicht werden soll?
Michael Krauth: So schnell wie möglich! Aber im Ernst, hier muss noch eine Menge Aufklärungsarbeit geleistet werden - Die Technik steht jedenfalls schon lange zur Verfügung!

Andrea: ... also wie viele Kinos z.B. bis Ende 2008
Michael Krauth: Dieses Jahr werden es wohl etwa 31 bleiben, wenn wir das nächstes Jahr verdoppeln können wäre das schon ein Erfolg.

pcfreak: Kann man Untertitel 1:1 umsetzen? Bisher geht das ja nicht immer im TV.
Michael Krauth: Lediglich das Format muss konvertiert werden

Marca: Ich glaub an der Öffentlichkeitsarbeit hapert es. Es gibt ja 14 Millionen Schwerhörige. davon sind nur ein paar 1000 im DSB. Und die wenigsten sind vermutlich technisch interessiert. Die werden nicht in einem Kino erst bitten, dass man etwas zuschaltet. Das muss einfach da sein. Haben Sie ein Konzept, wie sie dieses Zielgruppen ansprechen? Auch die älteren, die frühre immer gerne ins Kino gegangen sind und heute nicht mehr gut hören?
Michael Krauth: Wir versuchen aktuell die Verbände und die Industrie zusammen zubringen. Das hier andere Wege der Werbung gefunden werden müssen ist uns bewusst.

pcfreak: Können Sie mir sagen, welche Filme demnächst mit UT ins Kino kommen? Auch Harry Potter zum Beispiel, der nächste Teil?
Michael Krauth: Aktuell startet MENSCH, DAVE! (Kinowelt) am 28. August.

Marca: Aber wie locken Sie die Hörgeschädigten hinter dem Ofen hervor? Da muss doch ein Anreiz sein, dass sie es probieren und den Mut aufbringen, ein paar Euro für eine Karte zu investieren. Mich haben Sie heute z.B. neugierig gemacht.
Michael Krauth: Kino ist mehr als nur der Film, Kino ist Markplatz, Treffpunkt, ein Gemeinschaftserlebnis. Schaffen wir es hier Berührungsängste abzubauen schaffen wir es viel leichter auch anderenorts!

H2OPolo: was glauben sie, in wie viele Jahren würde es Deutschland (MegaIndustrie, Banken, Politik, Sozialsysteme) genauso schaffen wie England?
Michael Krauth: Es wird noch dauern, ich hoffe auf das nächste Jahr - Wir machen alle zusammen gr0ße Fortschritte!

Andrea: ich fürchte, es bleibt eine Frage des Profits und mit Untertiteln lässt sich nicht das große Geld verdienen
Michael Krauth: Sicherlich müssen sich Untertitelungsfirmen, Audiodeskriptionshersteller und Technikhersteller finanzieren, aber das Problem hat auch der Eisverkäufer. In England ist es aber bereits für alle ein erfolgreiches Geschäft und natürlich ein Gewinn für den Besucher. Unter dem Strich bleibt die Frage der Gleichberechtigung!

Marca: Sie sagten vorhin, in England gibt es das Gesetz, das den Durchbruch brachte. Könnten Sie sich nicht in Deutschland auch dafür einsetzen, dass so ein Gesetz kommt?
Michael Krauth: Ein Gesetz benötigt viele Jahre, wir setzen hier auf Zusammenarbeit und Aufklärung.

Marca: Können Sie nicht auch bei ausländischen Bewohnern für die UT Filme werben? Man kann doch, wenn man eine Sprache erst lernt, besser verstehen wenn man lesen kann. Wäre das nicht auch eine Werbemaßnahme?
Michael Krauth: Schon jetzt werden in einzelnen Kinos "unsere" Untertitel für OmU Vorstellungen zweckentfremdet, aber warum auch nicht. Es gibt hier viele zusätzliche Anwendungen.

Marca: Ja genau, wenn man Kino wieder mit den Freunden und Partnern erleben kann, die nicht hörgeschädigt sind, ist das doch eine tolle Sache. "Kino für alle", das wäre was. Da kann dann im Freundeskreis auch über Filme geredet werden und das schafft doch neues Interesse für den nächsten Film.
Michael Krauth: Genau darum geht es uns!

Andrea: "Kino für Alle" ist das nicht ein prima Werbeslogan??
Michael Krauth: Mir gefällt er sehr!

Marca: Also ich fand das heute spannend. Ich werde mich mal wieder in ein Kino trauen.
Michael Krauth: Vielen Dank! Alle weiteren Neuigkeiten wie gesagt unter deinkino.de.I ch habe mich sehr über das Interesse gefreut!

Moderator: Wenn es keine Fragen mehr gibt, schlage ich vor, den Chat zu beenden. Vielen Dank an Herrn Krauth für die Beantwortung der Fragen, Dank auch an die Frager für die rege und lebhafte Teilnahme. Das Chat-Protokoll steht in den nächsten Tagen an dieser Stelle zur Verfügung. Ich wünsche allen noch einen schönen Abend. Der Chat wird jetzt geschlossen.

 

 

 


 

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