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Experten-Chat April 2008

Am 16. April 2008 fand ein Expertenchat mit Dr. Dirk Michael Kuntscher zum Thema "Hörgeschädigte Jugendliche im Berufsleben" statt.

Das Protokoll finden Sie weiter unten.


Dr. Dirk Michael Kuntscher Dr. Dirk Michael Kuntscher

 

  • Jahrgang: 1967
  • Studium der Wirtschaftswissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum
  • Dipl.-Ökonom 1995
  • Promotion zur „Effektivität betriebsinterner Kommunikation“ 2003
  • Unternehmensberater beim Institut für Management und Organisation (IMO) Bochum von 1996- 2001
  • ab 2002 selbständiger Personal- und Organisationsentwickler im Rahmen des Beratungsunternehmens bkp GbR, Bochum
  • Beratungsschwerpunkte: Befragungen, Kommunikation, Strategie, Diversity

 

Behinderte Menschen erfahren am Arbeitsmarkt eine massive und zunehmende Diskriminierung. So ist der Anteil der Arbeitgeber, die sich aus der Beschäftigung von Schwerbehinderten zurückgezogen haben, zum Ende der 90er Jahre deutlich angestiegen. Dies gilt auch für hörbehinderte Menschen und ist insbesondere für Jugendliche bei ohnehin schon knappem Ausbildungsangebot und großer Bedrohung durch Arbeitslosigkeit von besonderer Brisanz.

Es lässt sich klar herausstellen, dass Verbesserungsbedarf sowohl bei hörgeschädigten Jugendlichen als auch auf Seiten der Unternehmen besteht.

Es besteht einerseits ein großes Informationsdefizit bezüglich verschiedener Formen und Grade von Hörbehinderungen auf Seiten der Unternehmen, die Auszubildende suchen. Daneben sind auch finanzielle Fördermöglichkeiten, etwa bei der behindertengerechten Ausgestaltung eines Arbeitsplatzes, unzureichend bekannt. Insbesondere wird aber in den Unternehmen die betriebliche Vorbereitung der Integration hörgeschädigter Menschen unterschätzt.

Auf Seiten der hörgeschädigten Jugendlichen ist es häufig eine mangelnde Vorbereitung der Bewerbungsaktivitäten und realitätsfremde Erwartungen an den zukünftigen Beruf, die Personalverantwortliche stutzig machen. Die Auseinandersetzung mit dem Thema „Was will ich mal machen und wie komme ich dahin?“ findet häufig zu spät und nicht intensiv genug statt.

Die Frage lautet also: Wie baut man diese Defizite am besten ab?


Chatprotokoll


Dirk Michael Kuntscher: Guten Abend, der Experte ist jetzt vor Ort. Gruß aus Bochum.
Moderator: Herzlich Willkommen zum Experten-Chat auf hoer-werk.de! Die Fragen beantwortet heute Dr. Dirk Michael Kuntscher zum Thema "Hörgeschädigte Jugendliche im Berufsleben", ich wünsche einen regen Meinungsaustausch und nun kann es losgehen.

Gast3194: welche Chancen gibt es, wenn ein Hörgeschädigter bei der Bewerbung seine Hörschädigung angibt?
Dirk Michael Kuntscher: Gute. Ehrlich sein bringt bei der Bewerbung nur Vorteile. Sich Verstellen und hinterher dazu etwas sagen, ist nicht gerne gesehen.

Gast3194: Was ist eine Arbeitsassistenz für Hörgeschädigte?
Dirk Michael Kuntscher: Das ist eine Person, die hörgeschädigte Menschen bei der Arbeit, bei der Bewerbung unterstützt. Aber von der Assistenz werden nur die nicht fachlichen Aufgaben wahrgenommen.

Roseo: Also am besten in der Bewerbung gleich angeben, dass man schwerhörig ist?
Dirk Michael Kuntscher: Würde ich empfehlen.

Noir: Soviel ich weiß, mögen Arbeitgeber es gerne, wenn man ihnen sagt, wie man das Beste aus der Hörschädigung macht - wie steht's damit?
Dirk Michael Kuntscher: Gute Idee. Gilt auch nicht nur für die Hörschädigung!

buddelflink: Ich habe eine Frage bezüglich des Schwerbehindertenausweises. Ist man dazu verpflichtet, diesen Behindertenausweis im Bewerbungsschreiben anzugeben oder reicht es, wenn man dies beim Bewerbungsgespräch erwähnt?
Dirk Michael Kuntscher: Ob man verpflichtet ist, weiß ich nicht. Ich würde diesen auf jeden Fall angeben.
Noir: soviel ich weiß, ist man dazu nicht wirklich verpflichtet.

Gast3194: Wie viel wissen die Arbeitgeber über die Einstellung Hörgeschädigter?
Dirk Michael Kuntscher: Nach meinen Erfahrungen wenig. Das fängt damit an, dass sie sich mit Hörschädigungen und den Konsequenzen für den Arbeitsalltag wenig auskennen.

thomas: Hallo, meine Erfahrung ist, wenn man die Behinderung in der Bewerbung angibt, dann wird man gar nicht eingeladen zu einem Vorstellungsgespräch.
Dirk Michael Kuntscher: Ist das nicht auch ein Ergebnis einer Bewerbung?
Roseo: also meine Erfahrung ist, dass ich zu ziemlich vielen Einstellungstest eingeladen wurde.

Gast3194: hat man mehr Chancen in Grossunternehmen oder mehr in Mittel/Kleinunternehmen?
Dirk Michael Kuntscher: Kann ich so nicht beantworten. Hängt vom Einzelfall ab.

Wolfgang: Habe ich eine Chance, mich auf dem ersten Arbeitsmarkt zu bewerben, auch wenn ich einen Grad der Behinderung von 100 % habe?
Dirk Michael Kuntscher: Sicher. Dafür gibt es genügend Beispiele. Kennen Sie vielleicht selbst jemanden.
Wolfgang: Eher kaum, wenn, dann waren es eher Jobs die für Hörgeschädigte prädestiniert waren.

thomas: Arbeitgeber stellen ungern Schwerbehinderte wegen des Kündigungsschutzes ein. Hat sich das inzwischen geändert?
Dirk Michael Kuntscher: Nein, das gilt leider immer noch häufig. Aber das hängt auch mit fehlenden oder unvollständigen Informationen zusammen.

Gast3194: Stimmt es, dass Integrationsämter ungern die Wiedereingliederung mit Assistenten optimal vornehmen und sich mehr an technischer Ausstattung orientieren?
Dirk Michael Kuntscher: Was hörgeschädigte Menschen angeht, ja.

Wolfgang: Sind die Arbeitgeber für die Möglichkeiten des SGB IX, z.B. Arbeitsassistenz zu nutzen, sensibilisiert?
Dirk Michael Kuntscher: Nein. Arbeitsassistenz für hörgeschädigte Menschen ist weitgehend unbekannt.

Orange: Und ich hörte, wenn der Schwerhörige eine sehr saubere Bewerbung macht, darf die Firma sie nicht einfach weglegen. Stimmt es?
Dirk Michael Kuntscher: Was heißt nicht einfach weglegen? Der Unternehmer bzw. Personaler entscheidet, ob Sie eine Runde weiter kommen. Dafür gibt es meist Gründe.

Wolfgang: Welche Folgen kann es beim Bewerbungsgespräch haben, wenn man vorher seine Hörschädigung nicht erwähnt hat?
Dirk Michael Kuntscher: Dass Sie dann damit konfrontiert werden, warum Sie das nicht angegeben haben.

thomas: Ich denke, durch ein Vorstellungsgespräch kann man sich besser präsentieren und sich besser verkaufen. In einem Bewerbungsschreiben hat man da weniger Chancen. Warum dann schon mit der Angabe nach einer Behinderung eine Barriere schaffen?
Dirk Michael Kuntscher: Weil die Wahrheit einen immer weiter bringt.

Noir: manchmal suchen Großunternehmen gerne einen mit Hörschädigung oder einer anderen Behinderung wegen der Klausel mit der Zuzahlung wenn man keinen Behinderten im Betrieb hat
Dirk Michael Kuntscher: Auch das gibt es, aber Gott sei dank nicht so häufig.

Wolfgang: dann ist das Instrument Arbeitsassistenz kein erfolgversprechendes Hilfsmittel für mich, um mich in den ersten Arbeitsmarkt einbringen zu können?

buddelflink: was passiert eigentlich wenn man bei der Einstellung seine Hörbehinderung verschweigt und das nachher herauskommt. Kann ich deswegen gekündigt werden?
Dirk Michael Kuntscher: Warum nicht?

Gast3194: Sollte ich meine Berufschancen verbessern, indem ich mich mit einem CI operieren lasse, damit ich besser kommunizieren kann? oder ist eine Arbeitsassistenz sinnvoller?
Dirk Michael Kuntscher: Ist vom Einzelfall abhängig, kann ich nicht beantworten.
Gast3194: Gibt es Aussagen dazu von den Krankenkassen oder Integrationsämtern, ob die Verbesserung der Kommunikation operativ oder mit technischer Ausstattung besser ist?

thomas: Worauf soll man als Hörbehinderter bei einer Bewerbung achten, damit man Chancen hat, in die enge Auswahl zu kommen?
Dirk Michael Kuntscher: Sauberes Anschreiben, ordentliche und vollständige Unterlagen. Das was jeder andere Mensch auch tut.

Gast3194: was kann einen Unternehmer bewegen, einen Hörgeschädigten einzustellen? was sollte ihm da von Nutzen sein?
09:55Dirk Michael Kuntscher: Das der hörgeschädigte Mensch auf seine Stelle passt. Nicht mehr und nicht weniger.

Wolfgang: Können Sie vielleicht in drei Sätzen sagen, wo die Informationsdefizite der verschiedenen Graden der Hörbehinderung auf Seiten der Unternehmen bedingen?
Dirk Michael Kuntscher: Fehlendes Interesse, andere Aufgaben, schlechte Informationspolitik etc.

Julia: Haben Sie einen Tipp, was ich machen kann, wenn ich beim Bewerbungsgespräch einem gegenüber sitze, den ich schlecht verstehe? Vor allem wenn ich den Eindruck habe, er steht unter Zeitdruck.
Dirk Michael Kuntscher: Immer die Wahrheit. Machen Sie ihn darauf aufmerksam.

Wolfgang: Was macht das Instrument Arbeitsassistenz so kompliziert?
Dirk Michael Kuntscher: Die Kosten.

Roseo: kann man zu Ihnen E-Mail Kontakt aufnehmen?
Dirk Michael Kuntscher: ja.
Roseo: wie lautet Ihre E-Mail-Adresse?
Dirk Michael Kuntscher: Bitte bei Hörwerk erfragen.

Julia: Werden Hörgeschädigte Menschen bei gleicher Eignung bevorzugt eingestellt?
Dirk Michael Kuntscher: Habe ich in der Form in der Praxis noch nicht erlebt. In der Öffentlichen Verwaltung gibt es das offiziell.

buddelflink: ist es sinnvoll bei einer neuen Stelle bei einer Begrüßungsrede kurz zu erklären, wie man mit mir als Schwerhörigen reden sollte? Oder ist es sinnvoller, lieber jeden Kollegen einzeln darauf hinzuweisen? Sprich, erst dann was sagen, wenn man grad einen Kollegen nicht versteht.
Dirk Michael Kuntscher: Allen das Thema andeuten und dann in den Einzelgesprächen Details erläutern.

buddelflink: stimmt es, dass die Arbeitgeber finanzielle Unterstützung vom Staat bekommt, wenn sie einen Behinderten einstellen? Wenn ja, wie sieht diese finanzielle Hilfe aus?
Dirk Michael Kuntscher: Das stimmt. Da gibt es unterschiedliche Programme. Ist als Anreiz für den Arbeitgeber zu verstehen.

Gast3194: bei der großen Auswahl am Arbeitsmarkt zweifele ich, ob ein Unternehmen sich die Arbeit mit einem Hörbehinderten oder auch anderen Behinderten macht, oder?
Dirk Michael Kuntscher: Kann man so pauschal sicher nicht sagen.

Wolfgang: Gibt es Projekte, die sich mit den Instrumenten für hörgeschädigte Menschen für die Teilhabe am Arbeitsprozess beschäftigen? Sind Ihnen welche bekannt?
Dirk Michael Kuntscher: Jede Menge. Schauen Sie mal ins Internet. "Equal", "Jobs ohne Barrieren" etc.

Orange: Kann ich später in der Arbeit eine Assistenz holen?
Dirk Michael Kuntscher: Das ist davon abhängig, ob Sie den Anforderungen genügen. Das prüfen die Integrationsämter.

Gast3194: die Diskriminierung Hörgeschädigter gibt es leider, aber sind sie den Anforderungen am Arbeitsmarkt gewachsen?
Dirk Michael Kuntscher: Den Arbeitsmarkt gibt es nicht. Es gibt nur konkrete Stellen. Das ist zu prüfen.

buddelflink: wo bekomme ich mehr Infos über die von Ihnen erwähnten Programme, um einen Anreiz für die Arbeitgeber zu geben? Würde mich gerne darüber informieren
Dirk Michael Kuntscher: Im Internet.

Orange: Habe ich ein Anrecht auf einen Schriftdolmetscher in der Arbeit?
Dirk Michael Kuntscher: Müssen Sie vom Integrationsamt prüfen lassen.

Gast3194: wie prüfen Integrationsämter? nach den Finanzen oder der Arbeitsplatzbeschaffung?
Dirk Michael Kuntscher: Das müssen Sie die Integrationsämter fragen.
Gast3194: gut herausgeredet!!!

Julia: Ich habe erfahren, dass die Integrationsämter sehr restriktiv mit der Bewilligung von Arbeitsassistenz vorgehen, ist dass auch Ihr Eindruck?
Dirk Michael Kuntscher: Ja. Können Sie in einer aktuellen Studie nachlesen (ArzT-Projekt).

Julia: Was ist der Unterschied zwischen Schriftdolmetscher und Arbeitsassistenz?
Dirk Michael Kuntscher: Das Aufgabenspektrum einer Assistenz ist weiter. Sie betreut kontinuierlich bei der Kommunikation.

thomas: wo finde ich die Studie? Auch im Internet?
Dirk Michael Kuntscher: Ja, beim Integrationsamt.

Julia: Haben Arbeitgeber auch Angst davor, wenn ich als Arbeitnehmer selbst eine Arbeitsassistenz beantrage und ich Arbeitgeber bin?
Dirk Michael Kuntscher: Wenn Sie sie über Konsequenzen aufklären und das vorher abstimmen eher weniger.

Wolfgang: Was hebt hörgeschädigte Jugendliche im Berufsleben von den sogenannten hörenden Jugendlichen ab? Haben sie wirklich gleiche Chancen?
Dirk Michael Kuntscher: Nichts. Sie bewerben sich genau so wie jeder andere.

Gast3194: was macht es so schwer, die Integration Hörbehinderter in den Firmen zu motivieren?
Dirk Michael Kuntscher: Ängste auf allen beteiligten Seiten: Jugendliche, Unternehmen, Vermittler, Schulen.

Leona: Wenn ich eine Arbeit bekomme, wie sieht da die Sensibilisierung der Mitarbeiter aus, kann das vom Integrationsamt oder ähnlichem durchgeführt werden?
Dirk Michael Kuntscher: Es gibt z.B. KollegInnenseminare wo Hörgeschädigte und Hörende zusammen lernen. Prima Sache.

Gast3194: kann ich mit dem viel diskutiertem persönlichem Budget einen Arbeitsassistenten selbst anstellen?
Dirk Michael Kuntscher: Wenn das Integrationsamt Ihnen das bewilligt.

Julia: Was empfehlen Sie mir, wenn ich beim Bewerbungsgespräch danach gefragt werde, ob ich telefonieren kann? Ich kann es nicht, wie vermittle ich die Alternativen?
Dirk Michael Kuntscher: Wenn es Alternativen gibt, z.B. Arbeitsassistenz, dann sollte es nicht an der Vermittlung scheitern.

Gast3194: ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Schulen und auch Vermittler der Arbeitsagentur wenig über Hörschädigungsarten wissen und alle hörbehinderten über einen Kamm scheren, egal ob es Gehörlose, Schwerhörige oder Ertaubte sind, was kann man dagegen tun?
Dirk Michael Kuntscher: Stimmt. Informieren über die eigene Hörschädigung und deren Konsequenzen.

buddelflink: ist es wirklich so, dass im öffentlichen Dienst bevorzugt Leute mit Behindertenausweis eingestellt werden? Oder steht das immer nur in den Annoncen und wird in der Praxis kaum beherzigt?
Dirk Michael Kuntscher: Der Öffentliche Dienst engagiert sich hier gut.

Gast3194: welche Lobby gibt es für die Hörgeschädigten?
Dirk Michael Kuntscher: Die Verbandslandschaft. Leider immer noch zerstritten in gehörlos, hörgeschädigt.

Orange: Wieviel Prozent Chancen habe die Schwerhörigen die Arbeit zu bekommen?
Dirk Michael Kuntscher: Genau die Gleichen wie alle anderen auch.

buddelflink: wo gibt es denn KollegInnen-Seminare zusammen mit Hörgeschädigten und Guthörenden??
Dirk Michael Kuntscher: Das bieten die Integrationsämter an.

Julia: Können Sie ein Beispiel über die KollegInnenseminare bringen, wo Hörgeschädigte und Hörende zusammen lernen?
Dirk Michael Kuntscher: Da wird versucht zu vermitteln, wie sich Hörschädigung "anfühlt".

thomas: Es ist ja überall die Rede von Fachkräftemangel. Ist das auch ihre Erfahrung? In meinem Bekanntenkreis ist das nicht zu spüren. Es ist immer noch schwierig, eine Stelle zu finden.
Dirk Michael Kuntscher: Den Fachkräftemangel gibt es, keine Frage. Das ist eine gute Chance für Hörgeschädigte.

Leona: Bekommt man bei der Beratung vom Arbeitsamt/Amt für Arbeit heute noch Berufsbilder speziell für Schwerhörige/Gehörlose? (Typische Berufsbilder wie Bauzeichnerin etc.)
Dirk Michael Kuntscher: Soweit ich weiß ja.

thomas: Welche Bezeichnung kommt beim Arbeitgeber besser an: ich bin hörbehindert? oder ich bin schwerhörig? oder ich höre schlecht? oder ...
Dirk Michael Kuntscher: Der Begriff ist egal. Das was dahinter steht entscheidet.

Wolfgang: Wie drückt sich die Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt für hörgeschädigte Menschen aus, sie haben immer geschrieben es gibt keine....
Dirk Michael Kuntscher: Durch Unwissen und Angst werden Hörgeschädigte häufig nicht eingestellt.

Gast3194: wie kann ich nun meine Chancen für einen job verbessern, was raten Sie?
Dirk Michael Kuntscher: Sich mit Ihrem potenziellen Job gut auseinandersetzen und auch mit dem Arbeitgeber. Gut vorbereitet in Gespräche gehen.

buddelflink: darf man fragen, woher sie soviel über die Thematik wissen? Konnte ihrem Lebenslauf nicht entnehmen, dass sie irgendwie mit Behinderten zusammenarbeiten?
Dirk Michael Kuntscher: Wir haben von 2005-2007 ein Projekt zum Thema gemacht. Da ging es um die Integration Hörgeschädigter.

buddelflink: wenn ich für die Arbeit bestimmte Hilfsmittel brauche, wohin muss ich mich da wenden? Vor allem wenn es keinen Behindertenrat auf der Arbeit gibt?
Dirk Michael Kuntscher: An das Integrationsamt oder den Betriebsrat.

buddelflink: eine Frage zu ihrer Antwort von Julia (Dirk Michael Kuntscher: Habe ich in der Form in der Praxis noch nicht erlebt. In der Öffentlichen Verwaltung gibt es das offiziell.). Also bei großen Firmen wie SIEMENS und Schering werden wohl auch nicht bevorzugt (Hör)Behinderte eingestellt?
Dirk Michael Kuntscher: Nicht das ich wüsste. Es gibt hier Integrationsprojekte mit behinderten Menschen.

Wolfgang: Was verstehen Sie unter Integration?
Dirk Michael Kuntscher: Dass ein Hörgeschädigter einen Job findet, dass er und die anderen damit klar kommen. Arbeit ist ein Stück Leben.

Gast3194: was motiviert Sie als Unternehmensberater für die Einstellung von Hörgeschädigten zu plädieren, obwohl sie bei den Unternehmen mehr kassieren würden z.B. bei Rationalisierungsvorschlägen? Ketzerische Frage :-)
Dirk Michael Kuntscher: Kein Problem: Unternehmen haben Schwierigkeiten Personal zu finden und widmen sich diesem Thema häufiger. Gut für den Berater und für die Hörgeschädigten.

Gast3194: was sagen Sie als Unternehmensberater den Firmen über die Vorteile der Einstellung Hörbehinderter?
Dirk Michael Kuntscher: Hörgeschädigte Menschen einzustellen heißt, soziale Verantwortung übernehmen, eine andere Kultur zu schaffen und letztlich auch, dass Leistung gebracht wird. Das können Hörgeschädigte auch.

thomas: welche Faktoren befördern die Integration in den Arbeitsmarkt für Hörbehinderte?
Dirk Michael Kuntscher: Informationen und das gezielte Kennenlernen der beiden Gruppen. Dann staunt man so manches Mal was für Vorurteile dort bestehen.

buddelflink: ist es schon vorgekommen, dass hörbehinderte Leute aufgrund der schlechten Kommunikation(Chef + Kollegen akustisch schlecht verstanden) ihren Job verloren?
Dirk Michael Kuntscher: Habe ich noch nicht gehört. Dann gehört sich eher ein Gespräch darüber und wie man das verbessern kann.

Miriam: Muss ich als Schwerhörige mehr machen als andere? Auch wenn es Integrationsfachdienste gibt? Für mich ist es unheimlich schwierig zu begründen, was ich brauche.
Dirk Michael Kuntscher: Meist machen die Schwerhörigen mehr als Andere und sind höher motiviert, weil sie eine Chance bekommen.

Miriam: Haben Sie eine/n hörgeschädigte/n MitarbeiterIn in Ihrer Firma?
Dirk Michael Kuntscher: Hatten wir im letzten Jahr im Rahmen eines Projektes. War interessant.

buddelflink: es wird oft gesagt, dass Hörbehinderte konzentrierter zuhören. sei es Schulungen, Meeting usw. und konzentrierter arbeiten als andere Leute? Können sie dem zustimmen?
Dirk Michael Kuntscher: Unbedingt.

Miriam: Motivation ist der Schlüssel zum Erfolg?!
Dirk Michael Kuntscher: Immer und überall.

Leona: Angesichts der Arbeitsassistenz ist doch ein typisches Berufsbild für Schwerhörige heutzutage obsolet?!
Dirk Michael Kuntscher: Wenn die Arbeitsassistenz tatsächlich für alle Anspruchsberechtigten finanzierbar wäre dann ja. Ist sie aber nicht!

thomas: Ist es sinnvoll, die Kopie einer Bewerbung der Schwerbehindertenvertretung/Betriebsrat zu senden?
Dirk Michael Kuntscher: Würde ich nicht tun. Schafft Mistrauen.

Gast3194: hatten sie bei ihrer Unternehmensberatung auch Kontakte mit den Arbeitsagenturen und Integrationsämtern?
Dirk Michael Kuntscher: Ja, viele.

Julia: Wenn ich mich für einen Arbeitsplatz bewerbe, sollte ich vorher den Integrationsfachdienst informieren?
Dirk Michael Kuntscher: Warum?

Cilerin: Sind IA grundsätzlich für Hilfsmittel im Berufsleben zuständig oder kommen evtl. auch DRV in Frage
Dirk Michael Kuntscher: Weiß ich nicht.

Wolfgang: Arbeitsassistenz ist zu teuer? Für wen, doch nicht für den Arbeitgeber.
Dirk Michael Kuntscher: Nein, für den Staat, sprich die Integrationsämter.

Wolfgang: schlechte Informationspolitik von wessen Seite, über mangelnde Informationen bezüglich Hörschädigung seitens der Unternehmen?
Dirk Michael Kuntscher: Nicht nur seitens der Unternehmen. Auch von Seiten der Verbände und anderer Akteure.

Miriam: Was war Ihre Motivation sich mit hörgeschädigten Jugendlichen im Beruf zu befassen?
Dirk Michael Kuntscher: Der Zusammenhang zu dem Thema Diversity, das Unternehmen immer mehr beschäftigt.

Gast3194: Defizite bei den Unternehmen lassen sich wie abbauen? Diese haben doch dazu kaum Zeit mehr.
Dirk Michael Kuntscher: z.B. Workshops mit hörgeschädigten Jugendlichen. Das machen Unternehmen gerne.

Lucia: Wieso ist Arbeitsassistenz für den Staat zu teuer? Arbeitslose Hörgeschädigte sind doch auch teuer.
Dirk Michael Kuntscher: Da haben Sie Recht. Ich denke, dass das Geld eher in andere Kanäle gehen soll als dorthin. Es ist auf jeden Fall zu wenig da.

Gast3194: gibt es nicht auch Defizite bei Betroffenen?
Dirk Michael Kuntscher: Durchaus, Wissen und Verhalten bei der Bewerbung und beim Gespräch.
Gast3194: ... und wie kann man diese abbauen?
Dirk Michael Kuntscher: z.B. mit Bewerbungstrainings.

Lucia: Was heißt diversity?
Dirk Michael Kuntscher: Unternehmen sehen Vorteile in der Beschäftigung behinderter Menschen.

buddelflink: müssten ihrer Meinung nach die Vereine (gehörlos/schwerhörig) mehr tun, um die Öffentlichkeit über Schwerhörigkeit zu informieren? Wenn ja, wie z.B.?
Dirk Michael Kuntscher: Indem sie gemeinsam agieren und nicht gegeneinander.

buddelflink: ihr Projekt von 2005-2007, kam die Initiative von Ihnen oder den Firmen. Haben sie da mit den hörbehinderten Verbänden zusammengearbeitet?
Dirk Michael Kuntscher: Die Initiative kam von uns. Der DSB war unser Partner.

Lucia: Was raten Sie den jungen Hörgeschädigten bei der Bewerbung? Sollen sie drauf eingehen, dass sie hörgeschädigt sind? Sollen sie gleich Forderungen stellen, wie die Kommunikation laufen muss?
Dirk Michael Kuntscher: Darauf eingehen ja, erklären ja, Forderungen stellen nein.

buddelflink: inwiefern agieren die gl/schwerhörigen Verbände gegeneinander? Würde mich mal interessieren.
Dirk Michael Kuntscher: Es gibt keine Lobby in Berlin, weil die Verbände nicht ausreichend kooperieren.

Gast3194: wer ist der DSB ... Deutsche Sportbund etwa?
Dirk Michael Kuntscher: Deutscher Schwerhörigenbund.

Gast3194: wer bietet diese hörbehindertengerechten Trainings an?
Dirk Michael Kuntscher: Schulen und Integrationsämter.

buddelflink: das find ich prima, dass die Initiative zu dem projekt 05-07 von Ihnen kam. Es gibt also auch Leute, die sich für uns Behinderte interessieren.
Dirk Michael Kuntscher: Unbedingt. Ist ja für alle von Vorteil, so ein Projekt.

Lucia: Was sollten die Vereine genau machen, damit mehr Hörgeschädigte einen Arbeitsplatz finden? Haben Sie einen Vorschlag?
Dirk Michael Kuntscher: Sich verbünden und gemeinsam in die Betriebe gehen. Nicht nur schreiben, vor Ort machen.

Gast3194: sind sie der Meinung, die Selbsthilfeverbände könnten etwas ausrichten bei der Jobbeschaffung?
Dirk Michael Kuntscher: Sicher, sie können die Arbeitgeber informieren und die Jugendlichen auf die Bewerbung vorbereiten.

buddelflink: ich höre von vielen schwerhörigen Arbeitsmenschen, dass sie mehr Zeit als ihre Kollegen benötigen. Bei einem hat der Chef sogar gesagt, wenn er nicht mehr leistet, dann müsse er mit einer Kündigung rechnen. In heutigen Zeiten guckt man ja eher darauf, dass die Arbeiter/Angestellten ihre Arbeiten schnell erledigen. Was kann man machen, damit man nicht gekündigt wird??
Dirk Michael Kuntscher: Das hört sich für mich nach Druck machen an. Gemeinsam ergründen, wie es besser geht.

thomas: Wenn Integrationsamt sich restriktiv zeigt, soll man um die Leistung kämpfen oder wie geht man mit dem Integrationsamt am Besten um?
Dirk Michael Kuntscher: Kämpfen ist gut. Am besten durch den Verband unterstützen lassen.

Leona: Die BHSA (Bundesarbeitsgemeinschaft für Hörbehinderte Studierende und Absolventen e.V.) arbeitet hörgeschädigten übergreifend, davon können sich die Verbände etwas abgucken! ;-)
Dirk Michael Kuntscher: Hört sich sinnvoll an.

Gast3194: ...verbünden heißt alle Behindertenverbände, sind da nicht zu viele Unterschiede?
Dirk Michael Kuntscher: Verbünden heißt zunächst einmal Hörgeschädigte und Gehörlose.

Gast3194: wie stehen diese zu ihrer Tätigkeit, sind sie da Konkurrenz?
Dirk Michael Kuntscher: Nein, die sehen das positiv.

Lucia: Ihre Vorschläge kosten alle Geld. Wer würde das finanzieren, wenn ich für Jugendliche Bewerbungstrainings anbiete oder Workshops für Betriebe.
Dirk Michael Kuntscher: Das kann man in Projekten machen, die sich mit der Integration behinderter Menschen beschäftigen.

Gast3194: ... haben Gehörlose und Schwerhörige nicht sehr unterschiedliche Grundlagen beim Job ... z.B. die Kommunikation?
Dirk Michael Kuntscher: Schon, innerhalb dieser Gruppen unterscheidet sich das stark. Aber das ist kein Grund, nicht gemeinsam für die Sache zu werben.

Lucia: Und wo kann ich so ein Projekt beantragen?
Dirk Michael Kuntscher: Bei Ministerien, Regionalagenturen, dem Arbeitsamt etc. Gibt viele Anlaufstellen.

Leona: Bei unseren Beratungen rufen oft Mütter von Sh/GL Abiturienten an, ist das normal, dass die Eltern für die Sh/Gl Kinder eine Lehrstelle/Arbeits-/Studienplatz suchen?!
Dirk Michael Kuntscher: Habe ich häufiger erlebt. Das geht dann soweit, dass die Eltern beim Bewerbungsgespräch dabei sein wollen. Bitte nicht.

buddelflink: ich sag schon mal Danke, dass sie meine Fragen beantwortet haben. Und Kompliment, dass Sie so ein Projekt aufgezogen haben. Kann man zufälligerweise was "im Internet" was darüber lesen?
Dirk Michael Kuntscher: Gerne, unter startindenjob.de
56:45buddelflink: hey, endlich 'ne konkrete Internetadresse :)

Gast3194: was ist ihre Meinung nach ausschlaggebend, Bewerbungsgespräch, Integrationshilfen oder??
Dirk Michael Kuntscher: Immer Ihre Person und Ihre Qualifikation!

Gast3194: kann man sie als Referent engagieren?
Dirk Michael Kuntscher: Wenn Sie möchten, gerne.
Gast3194: ...zu moderaten Preisen???
Dirk Michael Kuntscher: Preisverhandlungen waren heute nicht das Thema, oder :-)

Lucia: Ich gehe davon aus, dass der DSB schon Projekte beantragt hat. Was kam dabei raus? Ich hab noch nichts drüber gelesen.
Dirk Michael Kuntscher: Ist auf den Websites des DSB zu lesen.

Gast3194: gab es durch die Projekte neue Arbeitsgelegenheiten für hg.
Dirk Michael Kuntscher: Ja.

Moderator: Vielen Dank an Dr. Kuntscher für die Beantwortung der Fragen, Dank auch an die Frager für die rege und lebhafte Teilnahme. Das Chat-Protokoll steht in den nächsten Tagen an dieser Stelle zur Verfügung. Ich wünsche allen noch einen schönen Abend. Der Chat wird jetzt geschlossen.
Dirk Michael Kuntscher: Danke auch von meiner Seite für die gute Moderation und Betreuung. Schönen Abend und Gruß aus Bochum.

 


 

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