Experten-Chat November 2007
Am 28.11.2007 fand ein Experten-Chat statt mit
Klaus Greis und Karl Salber-Correia
zum Thema: "Frühförderung hörgeschädigter Kleinkinder"
Das Protokoll dieses Chats finden Sie weiter unten.
Klaus Greis (Foto rechts)
Schulleiter Rheinische Förderschule, Förderschwerpunkt
Hören und Kommunikation (Primarstufe), Essen
Mitarbeit in der Beratungsstelle der Schule - Bereich Audiometrie
Karl Salber-Correia (Foto links)
stellvertrender Schulleiter
Rheinische Förderschule, Förderschwerpunkt
Hören und Kommunikation (Sekundarstufe I), Essen
Mitarbeit in der Beratungstelle der Schule - Koordination der Früherziehung
Die aktuellen Zahlen der Früherziehung:
- 62 gehörlose und schwerhörige Kinder (0-3 Jahre):
Betreuung im Elternhaus, 14tägig Mini-Club - 78 gehörlose und schwerhörige Kinder (3-6 Jahre):
Betreuung in Kindergärten, Förderkindergärten, Kindertagesstätten - 32 gehörlose und schwerhörige Kinder (3-6 Jahre):
Förderschulkindergarten Hören und Kommunikation - Gesamt 172 gehörlose und schwerhörige Kinder im Vorschulalter
Rheinische Förderschulen, Förderschwerpunkt
Hören und Kommunikation (Primarstufe und Sekundarstufe I), Essen
Tonstr. 25
45359 Essen
Tel.: 0201/178470
Fax: 0201/17847199
Die vorschulische Erziehung steht unter dem Leitziel: Ich bin hörgeschädigt. Ich kann kommunizieren. Diesem Leitziel wollen wir uns bereits mit dem Angebot der vorschulischen Erziehung nähern.
Für hörgeschädigte Kinder ist es wichtig, möglichst früh eine Hör- und Sprachförderung zu erhalten, um die Sprachentwicklung so natürlich wie möglich zu gestalten.
Für Kinder mit entsprechenden persönlichen oder familiären Voraussetzungen bieten wir neben der Hör-Sprachförderung gebärdensprachliche Förderung (DGS/LBG) an.
Darüber hinaus haben auch Eltern viele Fragen, die sie geklärt haben möchten. Eine eingehende hörgeschädigtenspezifische Beratung der Eltern gehört daher ebenfalls zu unserem Aufgabengebiet. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Hörgeräteakustikern, Ärzten, Erziehern, Therapeuten, etc. hat für uns einen hohen Stellenwert.
Im Mittelpunkt der vorschulischen Erziehung stehen das Kind und die Eltern. Aber auch Großeltern und Geschwisterkinder beziehen wir gerne mit ein. Die vorschulische Erziehung wird mit dem Besuch in unserer Beratungsstelle eingeleitet und mündet für die 0 bis 3jährigen Kinder in die Früherziehung, die in der Regel zu Hause stattfindet. Parallel dazu steht den Familien der des MINICLUB offen. Erreicht das Kind das Alter von 3 Jahren, setzt sich die vorschulische Erziehung im Kindergarten (Regelkindergarten, Förderschulkindergarten, Heilpädagogischer Kindergarten, etc.) fort. In Ausnahmefällen findet die Förderung weiterhin zu Hause statt.
Chat-Protokoll
Experten: Guten Abend wünschen Herr Greis und Herr Salber-Correia.
Moderator: Herzlich Willkommen zum Experten-Chat auf hoer-werk.de! Die Fragen beantworten heute Klaus Greis und Karl Salber-Correia von der Rheinischen Förderschule in Essen zum Thema: "Frühförderung hörgeschädigter Kleinkinder". Ich wünsche einen regen Meinungsaustausch und nun kann es losgehen.
ratola: Bin zunächst nur neuer passiver Teilnehmer!
Moderator: Herzlich willkommen ratola, über die ein oder andere Frage würden wir uns freuen.
Andrea: Wie kann ich überhaupt feststellen, ob mein Baby/Kleinkind hörgeschädigt ist?
Experten: Hörschädigungen bei Babys und Kleinkindern können durch computeraudiometrische Verfahren festgestellt werden.
Andrea: Wird das beim Kinderarzt durchgeführt?
Experten: Die Computeraudiometrie wird von HNO-Ärzten, HNO-Kliniken und zum Teil in Geburtskliniken durchgeführt.
Stefan: An wen wende ich mich zuerst, wenn mein Kind hörgeschädigt ist. Reicht der HNO aus?
Experten: Wenn der HNO-Arzt eine Hörschädigung feststellt, wird er das Kind gegebenenfalls an eine entsprechende Klinik überweisen und Hörgeräteversorgung einleiten. Die Eltern können das Kind sofort an der zuständigen Förderschule zur Frühförderung anmelden.
Andrea: Wie funktioniert der Teil der Früherziehung, der zuhause stattfindet?
Experten: Zuhause werden die Kinder von 0 bis 3 Jahren gefördert. Der Frühförderer/in kommt einmal pro Woche in die Familie. Er arbeitet schwerpunktmäßig in den Bereichen Hör- und Sprachförderung (natürlich auch Gebärdensprache). Die Eltern werden angeleitet, mit dem Kind zu kommunizieren und die Förderung im Alltag umzusetzen. 14-tägig können sich die Eltern mit den Kindern im Mini-Club zum Austausch treffen. Lehrer stehen dabei für Fragen zur Verfügung. Für die Kinder gibt es ein vorbereitetes Programm.
Stefan: Gibt es die Frühförderungsprogramme in jeder Stadt? Gibt es da Übersichten?
Experten: Ja, für jede Stadt ist eine der Förderschulen Hören und Kommunikation zuständig. Die Adressen können bei jeder Schule, im Internet und bei den Schulämtern nachgefragt werden. Meistens haben auch die Gesundheitsämter, viele Hörgeräteakustiker und die meisten HNO-Ärzte und HNO-KLiniken sowie die Hörgeschädigtenverbände/-Vereine die Adressen.
Andrea: Ich habe von einer Methode "Schmidt-Giovannini" gelesen. Was halten Sie davon?
Experten: Die Methode heißt allgemein "Hör- Sprech- Erziehung" und geht davon aus, dass die Lautsprache über das Ohr (bei bester Hörgeräte-/CI-Versorgung) erlernt wird. Keine Methode kann generell bewertet werden. Ausschlaggebend für die Wahl der richtigen Methode können nur die individuellen Voraussetzungen des Kindes sein.
Stefan: Sind bundesweit die Frühförderprogramme einheitlich oder ist das Programm bei Ihnen in Essen einmalig?
Experten: Es gibt bundesweit Frühförderprogramme. Die Inhalte bestimmen die Schulen selbst. Einige Vorgaben werden von den jeweiligen Schulgesetzen gemacht.
Gast25: Mein schwerhöriges Kind (2 Jahre) soll so bald wie möglich Gebärdensprache lernen. Wer hilft mir dabei? Lernt es das bei Ihnen? Ich muss dann ja auch Gebärdensprache lernen - lerne auch ich das bei Ihnen, zusammen mit meinem Kind?
Experten: Jetzt können wir nur für Essen sprechen: wenn die Eltern bei der Anmeldung sagen, dass das Kind Gebärdensprache lernen soll, dann kommt ein Frühförderer/in mit Gebärdensprachkenntnissen zu Ihnen nach Hause. Sie können dann die Gebärdensprache gemeinsam mit Ihrem Kind lernen. Darüber hinaus bieten gebärdensprachkompetente Eltern an unserer Schule Gebärdensprachkurse für Eltern und andere Interessierte an. Weiter Kurse werden von Volkshochschulen und privaten Gebärdensprachschulen angeboten.
Gast25: Lernt das Kind bei Ihnen auch den Umgang mit seinem Hörgerät bzw. CI?
Experten: Ja. Dies ist natürlich vom Alter abhängig.
Stefan: Gibt es einen Elternverband für die Eltern hörgeschädigter Kinder?
Experten: Ja. Es gibt Landes- und Bundesverbände für die Eltern gehörloser und schwerhöriger Kinder.
Gast25: Welche Zusatzausbildung müssen die Lehrer an Ihrer Schule haben?
Experten: Unsere Lehrer/innen haben alle Sonderpädagogik mit der Fachrichtung Gehörlosen- oder Schwerhörigenpädagogik studiert. Im Kindergarten arbeiten Fachlehrer/innen, das sind Erzieher/innen mit einer Zusatzausbildung für hörgeschädigte Kinder. In der Früherziehung arbeiten sowohl Lehrer als auch Fachlehrer.
Andrea: Gibt es eigentlich inzwischen ein Hörscreening für alle Neugeborenen?
Experten: Nein. Für NRW können wir sagen, es gibt flächendeckende Modellversuche, aber noch keinen gesetzlichen Anspruch.
ratola: In M-V gibt es ein flächendeckendes Hörscreening für Neugeborene.
Experten: Schön für M-V.
Andrea: Werden lautsprachlich und gebärdensprachlich orientierte Kinder in einer Gruppe betreut?
Experten: In der Frühförderung gibt es nur Einzelförderung. Im Kindergarten und in der Schule teilen wir die Gruppen nach Kommunikationsformen ein. Aber unser Thema ist heute die Frühförderung.
Gast25: Nehmen Eltern auch an den Programmen teil und ist das nicht eigentlich zwingend erforderlich?
Experten: Ja. Die Förderung soll grundsätzlich in Anwesenheit der Eltern stattfinden. Die Eltern sollen die Inhalte der Förderung im Alltag umsetzen.
Gast25: Wie können Eltern das Frühförderungsprogramm sinnvoll ergänzt werden?
Experten: Die Eltern können zum einen die Inhalte im Alltag umsetzen. Darüber hinaus sind die Eltern die Hauptkommunikationspartner der hörgeschädigten Kinder. in dieser Rolle können sie die Kinder umfassender fördern als jeder Fachmann, wenn die Eltern entsprechend beraten werden.
Andrea: Sollten auch (hörende) Geschwister hin und wieder teilnehmen?
Experten: Auf jeden Fall - es sei denn, die hörenden Geschwister stören die Förderung.
Moderator: Der Chat endet in 5 Minuten.
ratola: Danke für's "Zuhören" und den guten Einblick!
Experten: Wir danken auch. Falls Sie später noch fragen haben: klaus.greis@lvr.de und karl.salber-correia@lvr.de
Moderator: Vielen Dank an Klaus Greis und Karl Salber-Correia für die Beantwortung der Fragen, Dank auch an die Frager. Das Chat-Protokoll steht in den nächsten Tagen an dieser Stelle zur Verfügung. Ich wünsche allen noch einen schönen Abend. Der Chat wird jetzt geschlossen.
Experten: Danke und Tschüß.
