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Expertenchat im September 2007

Am 26.09.2007 fand ein Experten-Chat statt mit

Monika Widners zum Thema: "Ich bin Schriftdolmetscher".

Das Chat-Protokoll finden Sie weiter unten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Monika Widners:
  • 56 Jahre
  • Kaufmännische Ausbildung
  • Jahrzehntelange Tätigkeiten in verschiedenen kaufmännischen Bereichen
  • Diplom-Studium der Heilpädagogik (Schwerpunkt Gehörlosigkeit)
  • Schriftdolmetschen seit ca. 1991 - (nebenberuflich)
  • z.B. in Vereinen, Landestagungen, Bundeskongressen, Schulungen, Arztbesuchen, Gerichte etc.
  • Gebärdensprachausbildung
  • Seit 2001 angestellte Gebärdensprachdolmetscherin in NRW


Chat-Protokoll

 

[Moderator] Herzlich Willkommen zum Experten-Chat auf hoer-werk.de! Die Fragen beantwortet heute Frau Monika Widners zum Thema: "Ich bin Schriftdolmetscher". Ich wünsche einen regen Meinungsaustausch und nun kann es losgehen.

[Gast3969] ja, hallo -schönen guten Abend
[Monika Widners] Ja, auch einen schönen Guten Abend.
[Herrmann] Hallo!
[Monika Widners] Ja, auch ein freundliches Hallo!

[Herrmann] Wie wird man Schriftdolmetscher?
[Monika Widners] Ja, ganz einfach, eine ganz wichtige Voraussetzung ist, man/frau kann sehr schnell schreiben.

[Herrmann] Schreiben Sie Steno während Ihrer Tätigkeit?
[Monika Widners] Nein, ich schreibe mit der konventionellen Software und benötige dafür nur eine "normale" Computertastatur.

[Hendrik] Was benötige ich an technischem Equipment, um diesen Beruf ausüben zu können?
[Monika Widners] Als technisches Equipment benötige ich einfach einen Laptop und dazu noch eine, wie vorher genannt, "normale" Tastatur, weil die Tastatur auf dem Laptop zu eng und zu flach gelegen ist.

[Herrmann] Wie viele Anschläge haben Sie pro Minute?
[Monika Widners] Meine persönliche Anschlagszahl kenne ich nicht, aber so mindestens 300, ja besser noch 400 ist anempfohlen.

[Gast3969] Gibt es eine zentrale Anlaufstelle, bei der man bei Bedarf Kontakt zu Schriftdolmetschern bekommen kann?
[Monika Widners] Ja, es gibt sozusagen zwei Anlaufstellen in der BRD. Einmal der DSB in Berlin, der Schriftdolmetscher vermittelt oder, falls Sie in NRW wohnen, den Landesverband, der eigens eine Schriftdolmetscherzentrale gegründet hat.

[Hendrik] Ich bin Student und hörgeschädigt. Kann ich mir einen Schriftdolmetscher "bestellen", der mit mir in die Vorlesungen geht?
[Monika Widners] Eigentlich ja, aber die Frage ist wie immer, die Kostenfrage. Das müssen Sie klären mit dem Integrationsamt. Da gibt es Mittel und Wege. Es ist leider noch nicht so einfach und selbstverständlich. Es bedeutet immer wieder "Beharrlichkeit".

[Herrmann] Gibt es bestimmte Schriftdolmetscher für bestimmte Gebiete?
[Monika Widners] Da es noch nicht so viele Schriftdolmetscher gibt, "machen" wir quasi in allen Gebieten. Allerdings gibt es Schwerpunkte, die zum einen mit der Vorbildung zu tun haben oder mit den Präferenzen. Einfach bei der Zentrale anfragen, welcher/e Schriftdolmetscher/in Erfahrung auf dem Gebiet hat und diese bevorzugt wünschen.

[Herrmann] Wie lange können Sie konzentrationsfähig sein? Ich denke allzu lange kann man am Stück nicht arbeiten, oder?
[Monika Widners] Das hängt immer wieder vom Thema ab. Die Konzentration nimmt natürlich ab, wenn der Einsatz länger dauert. Das ist aufgrund der hohen Anstrengung normal. Wir halten es so wie die Gebärdensprachdolmetscher, wir fahren den Einsatz ab ca. 1 Stunde (je nach Einsatzart) mit zwei Personen und der Wechsel wird dann individuell abgesprochen. So im Schnitt zwischen 15 bis 30 Minuten. Was zum Ende sich auf jeden Fall verkürzt.

[Gast3969] Was muss ein Schriftdolmetscher für Fähigkeiten mitbringen, um das Gesprochene Wort simultan in Schrift umzusetzen?
[Monika Widners] Das hatte ich schon geschrieben, SCHNELLSCHREIBEN und der deutschen Sprache mächtig und eine gute Gedächtnisleistung, weil ja während des Schreibens weitergesprochen wird.

[Hendrik] Gebärdendolmetschen kann man studieren, weshalb gibt es kein Studienfach Schriftdolmetschen?
[Monika Widners] Das ist ganz einfach, Gebärdensprachdolmetscher gibt es schon seit Jahrzehnten und eine Ausbildung erst seit sehr wenigen Jahren. Und ich denke, da das Schriftdolmetschen auch noch eine sehr junge Disziplin ist, wird es noch ein Weilchen dauern bis man so weit ist.

[Hendrik] Wie wird die Tätigkeit vergütet? Ist die Bezahlung abhängig von den Themen, die "gedolmetscht" werden?
[Monika Widners] Die Vergütung ist je nachdem Verhandlungssache. Sie ist nicht abhängig davon, ob man haupt- oder nebenberuflich abhängig ist. Selbst das hat man bei Gericht abgeschafft, da gibt es auch nur noch eine einheitliche Vergütung.

[Herrmann] Wie ausgebucht ist man als Schriftdolmetscher? Kann man diese Tätigkeit hauptberuflich ausüben?
[Monika Widners] Diese Frage ist wirklich nicht einfach zu beantworten. Leider ist das Schriftdolmetschen noch nicht allen bekannt, auch nicht unter der Betroffenengruppe, d.h. den Hörgeschädigten. Solange von dieser Seite wenig passiert, wird man noch lange nicht davon leben können. Allerdings gibt es noch eine zweite Seite der Medaille, dieser Job ist derart anstrengend und die Ausübung, wie bei (fast) jedem anderen Job, z.B. 40 Stunden ist unmöglich. Das kann niemand leisten.

[Gast3969] Wie sind Sie zu dieser Tätigkeit gekommen - hat es sich aus Ihrem Studium ergeben?
[Monika Widners] Ja, bei mir war wirklich das Studium "schuld". Durch eine hörgeschädigte Studienkollegin, die von meiner Fähigkeit wusste. Sie sprach mich an und brachte mich in diesen Kreis.

[Hendrik] Sind Schriftdolmetscher auch im Berufsverband der Gebärdensprachdolmetscher/innen organisiert?
[Monika Widners] Ja, es gibt zur Zeit einen Berufsfachverband in Gründung. Der Hauptsitz ist erst einmal NRW.

[Stefan] Guten Abend! Als Schriftdolmetscher ist man doch sicherlich viel unterwegs, lässt sich das mit dem Privatleben vereinbaren?
[Monika Widners] Das ist richtig, die Einsätze als Schriftdolmetscher sind ja nur auswärts und wenn jemand gut ist, dann reist er schon in der (deutschen) Weltgeschichte herum. Ja, ist das Berufskraftfahren mit einem Privatleben vereinbar?

[Stefan] Arbeiten Sie häufig für öffentliche Einrichtungen? Oder mehr für Privatpersonen?
[Monika Widners] Sowohl als auch. Allerdings der überwiegende Einsatz ist im Berufsleben. Für Privatpersonen kann man dann arbeiten, wenn man Hörgeschädigte z.B. zum Arztbesuch begleitet oder zum Anwalt oder bei Gericht etc.

[Gast5940] Werden Sie meist zu Veranstaltungen Tagungen usw. angefragt, oder ist die Begleitung hörgeschädigter bei alltäglichen Erledigungen auch ein Schwerpunkt?
[Monika Widners] Zumeist werden wir für Veranstaltungen angefragt, das ist richtig. Die Begleitung Hörgeschädigter bei den alltäglichen Erledigungen fallen nicht an. Das könnten andere mit anderen Voraussetzungen übernehmen, wenn das nötig ist. Ansonsten können Hörgeschädigte auch andere Kommunikationsmittel verwenden, wie z.B. E-Mail etc.

[Hendrik] Muss man, wenn man Schriftdolmetscher werden möchte, auch Gebärdensprache erlernen?
[Monika Widners] Nein, das ist nicht zwingend notwendig. Allerdings sind leichte Kenntnisse nicht von Nachteil, dann klappt die Verständigung mit dem Hörgeschädigten besser, wenn man den Laptop noch nicht aufgebaut hat.

Hendrik] Können nicht alle Hörgeschädigten gebärden, oder weshalb gibt es noch Schriftdolmetscher?
[Monika Widners] Hörgeschädigte sind nicht nur gehörlos, das ist ein allgemeiner Begriff. Wir Schriftdolmetscher schreiben für Schwerhörige und Ertaubte, die der Gebärdensprache nicht mächtig sind. Die Gebärdensprache wird in der Hauptsache nur von Gehörlosen verwendet.

[Stefan] Ich habe gelesen, dass die Bezeichnung Schriftdolmetscher nicht überall anerkannt ist, vor allem beim Deutschen Gehörlosen Bund. Stimmt das, und falls ja, warum??
[Monika Widners] Das ist richtig. Der Grund ist der, dass das Schriftdolmetschen laut dem Ursprungswort Dolmetschen nichts zu tun hat. Wir übersetzen nicht von einer Sprache in eine andere mit anderen grammatikalischen Strukturen.

[Hendrik] gibt es evtl. auch schon Schriftdolmetscher in z.B. englisch und/oder französisch? Wo findet man sie?
[Monika Widners] Wo man diese findet, auch da wo man/frau die "anderen" Dolmetscher findet. Es gibt wohl auch Schriftdolmetscher, denen das Schreiben von englisch keine oder wenig Mühe bereitet. Von französisch schreibenden unserer Zunft habe ich noch nicht gehört. Aber wenn man das bei seiner Anfrage bei den Dolmetschzentralen angibt, bekommt man eine bessere Auskunft.

[Stefan] Gibt es Möglichkeiten, wie Gehörlose, die nur über begrenzte finanzielle Mittel verfügen, Unterstützungen von entsprechenden Einrichtungen zu bekommen, wenn ein Schriftdolmetscher benötigt wird?
[Monika Widners] Das ist abhängig vom Bundesland. In jedem Bundesland wird so was anders geregelt. In NRW wird der Schriftdolmetscher bei Amtsgängen von den Behörden bezahlt. Das steht in der Kommunikationshilfeverordnung. Bei Gericht wird dieser auch vom Gericht bezahlt. Im Berufsleben wird das von der Fürsorgestelle bezahlt und der Besuch beim Arzt wird auch von der Krankenkasse übernommen nach vorherigem Antrag. Was bleibt noch übrig? Ja, das ist immer schwierig, soviel ich weiß. Aber da muss man hartnäckig sein, das hatte ich schon vorher geschrieben. Die Auseinandersetzung findet mit dem Integrationsamt statt.

[Jana] Hallo und guten Abend, ich bin "nicht betroffen" können Sie bitte kurz Ihre Tätigkeit skizzieren?
[Monika Widners] Wir als Schriftdolmetscher schreiben das gesprochene Wort simultan für den Hörgeschädigten in den Laptop bzw. auf die Leinwand. Das ist immer abhängig von der Art der Veranstaltung und von der Anzahl der Leser

[Herrmann] Gibt es eine Schriftdolmetscher Zentrale oder einen Verband oder Ähnliches?
[Monika Widners] Ja, da lesen Sie bitte vorangegangen Zeilen.

[Herrmann] Haben Sie einen festen Kundenstamm oder immer wieder neue Kunden?
[Monika Widners] Die Mehrzahl der Kunden ordern mich schon länger bzw. seit Jahren. Die Zahl der Neukunden stagniert aus den vorher genannten Gründen.

[Jana] Da braucht es doch sicher umfangreiche Vorbereitungen, um sich auf immer neue Themen einzustellen.
[Monika Widners] Ja, das ist richtig. Das ist bei den Gebärdensprachdolmetschern auch so. Deswegen ist es schon wichtig, dass man eine Zeit vor dem Einsatz Info-Material bekommt, so dass man sich vorbereiten kann und dann ist der Einsatz auch besser zu bewältigen.

[Herrmann] Haben Sie schon mal bei "bekannten" Veranstaltungen gearbeitet (Bundestagsdebatte, Parteitag, Sportveranstaltung)?
[Monika Widners] Bei Bundestagsdebatten bzw. in politischem Ambiente weniger, allerdings wäre eine Sportveranstaltung eine hervorragende Herausforderung. Hier fehlt mir noch die Einsatzmöglichkeit.

[Herrmann] Ich denke Sie haben einen interessanten Beruf über den in den Medien bisher wenig berichtet wurde. Sind Sie froh darüber oder fänden Sie es besser, wenn dieser Job mehr Beachtung bekäme?
[Monika Widners] Ich fände mehr Beachtung für den Job wichtig, aber nicht für mich, sondern für die Betroffenen, damit diese wissen, welche Möglichkeiten es für sie gibt und sie könnten mehr am gesellschaftlichen Leben teilnehmen bzw. auch im Beruf weiterkommen, weil sie an Fortbildungen teilnehmen könnten.

[Moderator] Der Chat endet in 5 Minuten.

[Herrmann] Der Meinung bin ich auch. Vielen Dank für Ihre Ausführungen und einen schönen Abend noch!
[Monika Widners] Danke für die Wünsche, die gebe ich gerne zurück.

[Jana] Ich fand es auch sehr interessant, vielen Dank.
[Monika Widners] Das habe ich gerne gemacht. Gute Nacht

[Moderator] Vielen Dank an Frau Monika Widners für die Beantwortung der Fragen, Dank auch an die Frager für die rege und lebhafte Teilnahme. Ich wünsche allen noch einen schönen Abend. Der Chat wird jetzt geschlossen.

 


 


 

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