Expertenchat im Mai 2007
Am 09. Mai 2007 beantwortete Frau Karin Evers-Meyer, Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Ihre Fragen.
Vielen Dank für Ihr Interesse. Das Protokoll finden Sie weiter unten.
Vita:
Journalistin, Autorin
Geboren am 10. September 1949 in Neuenburg, Landkreis Friesland; evangelisch-lutherisch; verheiratet, zwei Söhne.
Abschluss der Mittleren Reife, kaufmännische Ausbildung. Achtjährige Tätigkeit an der Akademie der Künste in Berlin, Begabtenabitur.
Tätigkeit als freie Journalistin und Autorin im Wirtschaftsbereich, zuletzt Drehbuchautorin und Produzentin für Industriefilme.
Ehrenpräsidentin des Niederdeutschen Bühnenbundes Niedersachsen und Bremen; ehrenamtliche Tätigkeiten in verschiedenen gesellschaftlichen Organisationen und Vereinen.
- Seit 1978 Mitglied der SPD.
- 1997 bis 2001 Ratsfrau der Gemeinde Zetel und stellvertretende Bürgermeisterin;
- seit 1986 Kreistagsabgeordnete im Kreistag Friesland,
- 1990 bis 1994 stellvertretende Fraktionsvorsitzende,
- 1994 bis 2003 ehrenamtliche Landrätin des Landkreises Friesland;
- 1998 bis Oktober 2002 Mitglied des Niedersächsischen Landtages,
- seit 2005 Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen.
- Mitglied des Bundestages seit 2002.
Für weitere Informationen klicken Sie bitte hier: www.behindertenbeauftragte.de
Chat-Protokoll
[Holger] Guten Abend, ist schon jemand da?
[Felix] Als CI-Referatsleiter im DSB begrüße ich die Behindertenbeauftragte der Bundsregierung sehr und würde ihr gerne auch meine Sorgen für die CI-Träger und CI-Bedürftige ans Herz legen.
[Engel] Guten Abend zusammen
[michel] Ebenfalls einen guten Abend in die Runde
[Evers-Meyer] Ich freue mich ersteinmal, hier zu sein und bin schon sehr gespannt auf die Fragen. - Dieser Chat ist für mich eine Premiere.
[Holger] Ich möchte direkt mal eine weitergehende Frage stellen ... man hört immer wieder ein Tinitus können nur in der ersten Phase der Erkrankung gemildert werden. Ist das noch korrekt und falls nicht, wird an dieser Sache evtl. aktuell geforscht?
[Auerbach] Guten Abend alle zusammen. Ist der Chat denn schon eröffnet?
[Felix] Das CI ist das "Cochlea-Implantat" eine elektronische Hörprothese. Sie wäre bilateral, beidseitig ideal, aber der Kosten...
[Moderator] Ob Sie beidseitig optimal angepasst werden kann, bzw. welcher Nutzen hiervon erwartet werden kann, können nur die HNO-Ärzte entscheiden, die an einer entsprechenden Klinik arbeiten.
[Schwalbe] Was bedeutet "Eingliederungshilfe zur Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft"? Und wer ist für die Eingliederungshilfe zuständig?
[gudrun1] Wie viele Mitarbeiter in welchen unterschiedlichen Bereichen haben Sie?
[Gast7495] Hallo Frau Evers-Meyer! Was kann die Behindertenbeauftragte tatsächlich tun, um für Menschen mit Behinderungen die beruflichen Chancen zu verbessern?
[Evers-Meyer] Wir haben 14 Mitarbeiter, diese sind auf verschiedene Themenbereiche spezialisiert. Zentrale Säulen sind Sozialgesetzgebung, Barrierefreiheit, Bildung und Arbeitsmarkt.
[Reinhard] Wie wird auf die Belange Behinderter aufmerksam gemacht und wie werden die Belange weitervermittelt?
[Britta] Worin unterscheidet sich denn Ihr Amt von dem Amt der Patientenbeauftragten?
[Evers-Meyer] Die Patientenbeauftragte kümmert sich ausschließlich um Patienten. Aber natürlich gibt es Schnittstellen etwa bei dem Thema Frühförderung.
[Britta] Sie haben vor kurzem in New York bei den Vereinten Nationen eine Zusatzerklärugn zu den Menschenrechten unterschrieben, die behinderte Menschen betrifft: Welche Rechte stehen den behinderten Menschen gemäß dieser Zusatzerklärung zu?
[Evers-Meyer] Die Zusatzerklärung bietet eine Individualbeschwerdemöglichkeit über den nationalen Rechtsweg hinaus.
[Evers-Meyer] Das waren 19.
[Britta] Wird es wieder - wie 2003 ein Europäisches Jahr der Menschen mit Behinderung geben?
[Evers-Meyer] Das lässt sich natürlich nicht sagen, aber sozialpolitische Themen werden in der EU natürlich immer wichtiger.
[Auerbach] Muss ich damit rechnen, dass jetzt nach der Reform ein Hörgerät teurer wird? Es gab doch Änderungen im Hilfsmittelbereich, oder?
[Evers-Meyer] Ziel der Reform ist es, mehr Effizienz im System zu erhalten und damit auch die Preise insgesamt zu senken.
[Gast7495] Das Hessische Landessozialgericht hat jetzt entschieden, wer taub ist und nichts hört, hat trotzdem keinen Anspruch auf ein Bildtelefon. Die Krankenkasse muss nicht zahlen. Muss ich jetzt die Kosten selber tragen?
[Evers-Meyer] Das Urteil kenne ich nicht. Vielleicht können Sie mir weitere Informationen dazu schicken.
[Evers-Meyer] Noch einmal genauer: Sie haben in Gleichstellungsfragen die Möglichkeit, sich an einen UN-Ausschuss zu wenden, wenn der Rechtsweg in Deutschland erschöpft ist. Der Ausschuss kann dann eine Empfehlung aussprechen, diese ist aber nicht verbindlich.
[Schokokuss] Mein Kind ist schwerhörig. Ich habe Bedenken, dass es in einer Regelschule nicht mitkommt. Aber eine Schule für Gehörlose ist leider sehr weit entfernt. Gibt es mögliche Zwischenlösungen?
[Evers-Meyer] Ich verstehe Ihre Bedenken gut. Tatsächlich ist schwierig für behinderte Menschen in der Regelschule die erforderliche individuelle Förderung zu bekommen.
[Evers-Meyer] Letztendlich kommt es leider immer noch darauf an, inwieweit die Kommune bereit ist, individuelle Bedarfe zu finanzieren.
[Evers-Meyer] Ja! Ich mache Krafttraining und jogge. Sonst halte ich den Job nicht aus.
[Klaus] Haben Sie schon Projekte im Rahmen des Europäischen Jahres der Chancengleichheit 2007 besucht?
[Evers-Meyer] Natürlich habe ich mir eine Vielzahl von Projekten angeschaut. Im Juni machen wir eine große Behindertenkonferenz in Berlin.
[Klaus] Wo? In einem Studio extra für Frauen?
[Evers-Meyer] Nein, aber in einem Studio mit viel Stahlblech und ohne Fitnessgetränke.
[Seraphine] Wissen Sie vielleicht, ob es ein Fitnessstudio für behinderte Frauen gibt? Ich fühle mich imme blöd, wenn ich da mit meinem Blindenstock reinkomme.
[Evers-Meyer] Das weiß ich nicht, aber in meinem Fitness-Studio trainieren behinderte Menschen. Sie wären dort sicher auch willkommen.
[Schokokuss] Wie werden denn Lehrer auf die Integration behinderter Kinder in die Regelschule vorbereitet? Muss jede Schule mein Kind aufnehmen?
[Maik] Wie pflegen sie den Kontakt mit den Verbänden, die die Belange von behinderten Menschen vertreten?
[Maik] Ist es nicht anstrengend, mit sechs verschiedenen Reha-Trägern fertig zu werden?
[Evers-Meyer] Ja, das ist anstrengend, vor allem für die Betroffenen.
[Evers-Meyer] Das ganze System ist historisch gewachsen und mit dem SGB IX haben wir erstmals versucht, die Leistung zu bündeln, so dass sie wie aus einer Hand erbracht werden.
[dübe] Haben Sie eigentlich selber persönlichen Kontakt zu Behinderten oder wie sind Sie zu dieser Aufgabe gekommen?
[Evers-Meyer] Ich hatte selbst einen behinderten Sohn.
[Arabella] Finden Sie Berlin als Amtssitz attraktiv, können Sie sich vorstellen diese schöne Stadt zu verlassen, wenn das Amt nicht hier bleiben sollte?
[Evers-Meyer] Ich könnte mir keinen besseren vorstellen!
[Ottischu] Die Systematik des SGB IV ist wirklich gut. Aber in der Praxis sind die Arbeitgeber und Behörden nach wie vor sehr ablehnend eingestellt. Teilen Sie diese Erfahrungen?
[Evers-Meyer] Das SBGIX ist ein vorbildliches Gesetz, aber es ist sehr schwer, alles umzusetzen. Die Beharrungskräfte sind groß.
[Evers-Meyer] Wir stehen in Kontakt zu allen behindertenpolitischen Verbänden auf nationaler Ebene. Wir arbeiten in Werkstattgesprächen, Arbeitskreisen und Runden Tischen in allen Themenbereichen zusammen.
[Schwalbe] Haben Sie eine Sprechstunde für behinderte Menschen?[Evers-Meyer] Nein. Jeder hat die Möglichkeit sich an mein Amt zu wenden - am besten per Post oder E-Mail.
[Frank] Darf ich fragen, ob Sie sich eine andere Arbeit vorstellen könnten?
[Evers-Meyer] Ich finde meine Arbeit spannend und mache sie sehr gern.
[Auerbach] Wie finde ich denn Adressen von Selbsthilfegruppen?
[Evers-Meyer] Schauen Sie mal auf die Seite der BAG-Selbsthilfe oder von NAKOS.
[Evers-Meyer] An die zuständige Stelle in der Kommune. Das ist sehr unterschiedlich geregelt.
[Jörg] Werden seitens der behindertenbeauftragten Empfehlungen für bestimmte Parteien gegeben, bzw. wie wird kommuniziert, welche Partei für welche Ziele steht? Wird das überhaupt kommuniziert?
[Evers-Meyer] Die Parteien müssen selber ihre Ziele kommunizieren.
[Evers-Meyer] Eigentlich muss man sich als Wähler die Grundsatzprogramme der Parteien anschauen. Darin steht meist sehr genau, wie die einzelnen Parteien mit den Interessen der behinderten Menschen umgehen wollen. Wenn nichts darin steht, sagt das alles!
[Mary] Glauben Sie, dass irgendwann behinderte Menschen wirklich einmal gleichgestellt sein werden?
[Evers-Meyer] Wenn ich das Ziel nicht vor Augen hätte, würde ich hier nicht sitzen.
