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Hörgeschädigt und an der Regelschule?

von Stephan Wilke

Schwerhörige an Regelschulen
Die Entwicklung der Hörgeräte schreitet weiter voran, auch wenn sie immer noch nicht in der Lage sind, das menschliche Ohr zu ersetzen, so sind deren Möglichkeiten vielfältiger geworden, und es ist gegenwärtig kein Ende der Entwicklung absehbar. Eine Sonderrolle nimmt zunehmend auch das Cochlear Implantat ein, welches den Radius der Möglichkeiten Hörverluste auszugleichen wiederum vergrößert hat. Die technische Entwicklung aber erfordert auch neue gesellschaftliche Antworten. Eine neuere Entwicklung ist gegenwärtig unter Hörgeschädigten zu beobachten, schwerhörige Betroffene besuchen zunehmend eine Regelschule, mit fortlaufend steigender Tendenz.

Volle schulische Integration durch neue Hörgeräte oder Cochlear Implantat?

Es muss festgehalten werden, variierend je nach Hörstatus, dass technische Hörhilfen wie Hörgeräte und Cochlear Implantat nach wie vor nicht das menschliche Ohr ersetzen können. Was bedeutet es für die Betroffene an der Regelschule? Schwerhörige Betroffene, die auf eine Regelschule gehen, benötigen nach wie vor besondere Aufmerksamkeit seitens des Lehrkörpers sowie kommunikative Unterstützung. Mittlerweile wird in der Pädagogik zwischen „grauer Integration“ und „betreuter Integration“ differenziert. Was mehr oder weniger bedeutet, ob die Integration gezielt für den Betroffenen vollzieht oder nicht.

Integration um jeden Preis?

Ist Integration für einen schwerhörigen Betroffenen um jeden Preis möglich? Dies hängt vom Hörstatus einerseits und anderseits von der psychologischen Bereitschaft des Betroffenen selbst ab. Allgemein lässt sich festhalten, dass eine Integration um jeden Preis tendenziell nicht möglich ist, denn der Betroffene hat ja schließlich ein Handicap, mit dem er so oder so fertig werden muss. Es ist ein Irrglaube zu meinen, dass mit dem Hörgerät die Funktion des Hörens wiederhergestellt sei, und der Betroffene sei damit in der Lage dem Unterrichtsgeschehen bedingungslos zu folgen.
Der Lehrer gibt beim Unterrichten Informationen weiter, die vom Schüler aufgenommen werden müssen, damit ist auch klar, dass die weitergegebenen Informationen erst verarbeitet werden können, wenn sie verstanden worden sind. Anschaulicher lässt es sich anhand des Terminus „begreifen“ konkretisieren, es kommt von greifen, also heißt es ableitend nicht anderes, den zu verstehenden Gegenstand gegriffen im Sinne von Verstehen die Funktionszusammenhänge zu entschlüsseln, welches mit einem Aha-Erlebnis abgeschlossen wird: Aha, ich habe es begriffen.

Dieses Bild vermittelt sehr gut die Probleme mit der schwerhörige Betroffene an Regelschulen konfrontiert werden, sie müssen eine erhöhte Konzentration als deren guthörenden Mitschüler aufbringen, um a.) den Faden zu behalten, was ist Gegenstand des Unterrichts und b.) sind sie dazu verdammt, mehr Kontext-Analyse zu machen, welches zur Folge hat, unter erschwerten Bedingungen zum Aha-Erlebnis zu kommen, d.h. sie bedürfen einer zusätzlichen Motivation, um die Bereitschaft zum Mitmachen aufzubringen. Genau hier kristallisiert sich die Frage nach der „betreuten Integration“. Der Lehrstoff muss von den hörgeschädigten Schülern verarbeitet werden können, dies kann z.B. durch zusätzlichen Förderunterricht geschehen. Bei der sogenannten „grauen Integration“ sind die schwerhörigen Betroffenen mehr oder weniger auf sich allein gestellt, und folglich psychologisch einer höheren Belastung ausgesetzt als schwerhörige Schüler von der betreuten Integration. Sie müssen häufig Nichtverstandenes aus dem Unterricht zu Hause nachholen, und vor allem kommt hinzu, dass sie selber einschätzen müssen, was sie nachholen müssen und was nicht, welches ein nicht zu unterschätzender zusätzlicher Stressfaktor darstellt.

Psychologische Aspekte
Die innere Bereitschaft des Betroffenen eine Regelschule zu besuchen muss vorhanden sein, sowie die Möglichkeit der inneren Auseinandersetzung zur eigenen Hörschädigung, so dass der Betroffene zu seiner Hörschädigung auch stehen ja mit ihr identifizieren kann, um den Besuch auf einer Regelschule erfolgreich meistern zu können. Nur wer seine Behinderung akzeptiert, kann seine Probleme anderen mitteilen, wo sind meine Grenzen usw., und diese Fähigkeit erfordert ein positives Bild zu sich selbst, welches dadurch erreicht werden kann, indem man dem Betroffenen den nötigen Raum gibt, ein eigenständiges Selbstbewusstsein zu entwickeln. Hinzu kommt, dass Schwerhörige gegenüber Guthörenden immer noch eine gewisse Andersartigkeit aufweisen, mit der sie alltäglich konfrontiert werden, und sie müssen in der Lage sein, es psychologisch zu bewältigen.

Austausch-Forum für schwerhörige Regelschüler

Was häufig unterschätzt wird, sind Vorbilder, Guthörende können zwar gute Vorbilder sein, aber hörgeschädigte Betroffene vor allem Kinder und Jugendliche benötigen Erlebnisse, woran sie sehen können, dass es erwachsene Schwerhörige gibt, die ein erfolgreiches und selbstständiges Leben führen. Welches vor allem für die Entwicklung eines eigenständigen Selbstbewusstseins zu Gute kommt.
Die Bundesjugend vom Deutschen Schwerhörigenbund e.V. bietet hier ein Netzwerk-Projekt an, wo sich schwerhörige Regelschüler unter sich austauschen oder sogar gemeinsame Aktivitäten unternehmen können. Hier finden sie den nötigen Raum, den sie auf der Regelschule nicht erfahren, nämlich mal unter Gleichgesinnten zu sein, jenseits von Hörstress und Ausgrenzung.

Weiterführende Internet-Quellen:
www.die-spinnen.de
www.schwerhoerigen-netz.de/bundesjugend



 

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